Glücklich sein - glücklich werden

Was ist wirkliches Glück?

(Aus: Anselm Grün, Buch der Antworten, Hrsg. von Rudolf Walter, Herder Spektrum)


Glück heißt: gelingendes Leben. Darüber ist leichter Einigkeit zu erzielen als über die Frage, ob oder wie dauerhaftes Glück möglich ist. Ist alles nur eine Frage des Lebensstils? Eine Frage der Einstellung? Oder der Umstände – wie manche meinen? „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“, hat der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud behauptet. Aber es gibt ein gelingendes Leben wirklich. Das ist meine Erfahrung. Und es ist nicht nur meine, sondern die Erfahrung vieler Menschen. Glück heißt auch: mit sich selbst im Reinen sein, einverstanden sein mit sich und seinem Leben. Auch diese Erfahrung gibt es. Aber es stimmt ebenso, dass das absolute Glück uns Menschen verwehrt ist. Was wir erleben, ist immer nur ein relatives Glück. Das absolute Glück, so sagen es die Theologen in ihrer Sprache, wird uns erst nach dem Tod im Himmel erwarten. In unserem Alltag ist das Glück immer auch angefochten und gefährdet. Vor allem können wir es nie besitzen im Sinne von „festhalten“. Nur manchmal dürfen wir den Zustand absoluten Glücks erleben. In solchen Momenten sind wir ganz eins mit uns selbst und mit allen Menschen, mit der Welt und mit dem letzten Grund der Wirklichkeit. Da fühlen wir uns glücklich. In dem Augenblick, in dem wir diese Erfahrung machen, fehlt nichts. Doch im nächsten Augenblick fühlen wir uns möglicherweise schon wieder zerrissen. Etwas geht schief in unserem Leben. Und schon fühlen wir uns nicht mehr so glücklich. Trotzdem: Wer Glück erfahren hat, wird dadurch auch gestärkt. Und jemand, der normalerweise mit sich im Reinen ist, wird Kritik von außen oder ein Missgeschick oder einen Schicksalsschlag anders verkraften als einer, der mit sich unzufrieden ist. Aber auch er wird nicht im Zustand seliger Harmonie bleiben, wenn ihm zum Beispiel ein lieber Mensch im Tod entrissen wird. Von einem solchen Schicksalsschlag wird auch er erst einmal aufgewühlt. Er wird sich todunglücklich fühlen. Aber wenn er sich diesen Gefühlen nicht versperrt und sich der Trauer stellt, wird er trotz allem, auch wenn er das Auf und Ab des Daseins erlebt, doch eine Grundmelodie des Glücks in sich verspüren. Manchmal wird sie übertönt von anderen Melodien. Es werden sich Dissonanzen einstellen, die die Harmonien überlagern. Aber in der Stille können wir wieder in Berührung kommen mit dieser Grundmelodie des Glücks in unserem Herzen. Und wir können in der Hoffnung leben, dass diese Grundmelodie des Glücks mehr und mehr alle Bereiche unseres Leibes und unserer Seele durchdringt.


Obwohl es ein intuitives Verständnis von Glück gibt - was Glück eigentlich und in einem tieferen Sinn ist, diese Frage hat die Denker zu allen Zeiten bewegt. Es hat zur Unterscheidung geführt zwischen einem Verständnis von Glück als unberechenbarem Zufall und dem Verständnis von Glück, das der tiefsten inneren Bestimmung des Menschen entspricht. Wir unterscheiden auch zwischen einem Wohlfühl-Glück, das man empfindet, wenn von außen her alles gut läuft, wenn man anerkannt wird und Erfolg hat und einem Glück, das von innen her kommt. Es bedeutet, dass der Mensch mit sich im Einklang ist. Ob das der Fall ist, das ist nicht einfach „gegeben“, es hängt immer auch davon ab, ob ich an mir selbst arbeite und ob ich dafür entscheide, mich selbst bedingungslos anzunehmen und mich zu verabschieden von Illusionen, denen ich bisher nachgejagt bin. Dieses zweite Glück ist Ausdruck einer Lebenseinstellung, zu der ich mich selbst entscheiden muss und die mir nicht immer leicht fallen wird.


Die stoische Philosophie sieht das vollkommene Glück des Menschen darin, dass er sich ganz und gar dem Willen Gottes unterwirft. Für Epiktet, einen wichtigen Vertreter der stoischen Philosophie, der auch viele spätere Denker beeinflusst hat, muss der Mensch lernen, jede Sache zu wollen, die sich ereignet. Er schreibt: „Strebe nicht danach, dass die Ereignisse eintreten, wie du es wünschest, sondern wünsche die Ereignisse so, wie sie eintreten, und du wirst ein glückliches Leben führen.“ Und an einer anderen Stelle: „Erhebe endlich dein Haupt, wie ein Mensch, der von der Knechtschaft befreit ist; wage es, deinen Blick zu Gott zu erheben und ihm zu sagen: Verfahre mit mir von nun an nach deinem Belieben; meine Gedanken gehören Dir. Ich gehöre Dir. Ich weise nichts von dem zurück, was Dir gut scheint; führe mich, wohin Du willst; bekleide mich mit dem Gewand, das Dir gefällt.“ Das klingt sehr schön. Doch wohl nur wenige Menschen werden zu solcher Haltung unmittelbar fähig sein. Die christlichen Autoren, die Epiktet folgen, sprechen davon, dass der Mensch glücklich wird, der sich ganz in Gott hinein ergibt, der eins wird mit Seinem Willen und der in allem, was ihm geschieht, Gottes Liebe erkennt. Aber auch das ist nicht einfach zu haben. Es ist Ziel des geistlichen Weges. Und ein Weg hat immer auch etwas Prozesshaftes. Er ist zudem nicht immer nur durch die leichteste und schnellste Strecke definiert. Aktive Elemente des Sichbemühens und des Übens können sich also durchaus mit diesem Element des Sich-Hineinergebens verbinden. Und nur wenige werden von sich behaupten können, dass sie bereits und in jedem Fall ganz und gar einverstanden sind mit dem, was Gott ihnen zumutet, und daher glücklich, ganz gleich, was von außen geschieht.


Dem Glücklichen schlägt keine Stunde

(Anselm Grün, Vorwort zu: Dem Glücklichen schlägt keine Stunde)


„Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“, so verheißt es ein Sprichwort. Sprichworte sind weisheitlicher Ausdruck langer und weit verbreiteter Lebenserfahrung. Und auch dieses zeigt uns eine Spur, wo und wie wir Glück erleben können. Wer sein Glück packen und festhalten will, dem schlüpft es aus der zugreifenden Hand heraus. Wer ihm hinterherhetzt, der wird es nie erreichen. Das Glück ist schon da. Es wartet darauf, dass wir es wahrnehmen. Erleben kann es aber nur, wer ganz im Augenblick ist. Denn nur der Moment, dieser eine Augenblick, lässt mich das Glück berühren. Glück hat auch keinen Festpreis und kaufen kann man es nicht. Es ist nicht durch noch so ausgefeilte Methoden und Techniken zu erwerben, auch Tricks helfen da nicht. Glück meint einfach: ganz im Einklang mit sich sein. Und diese innere Harmonie beginnt damit, dass wir im Einklang sind mit dem Augenblick. Das klingt einfacher, als es ist. Nur wenn ich frei bin von meinem eigenen Ego kann es gelingen. Denn das Ego will ja immer festhalten. Es will etwas haben. Glück ist aber nicht zu „haben“. Glücklich ist nicht wer viel hat, sondern wer einfach ist, ganz im Augenblick ist. So hat es der Hans im Glück des Märchens erfahren. Als ihm auch noch seine letzte Habseligkeit, der Wetzstein, in den Brunnen gefallen war, rief er aus: „So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Er hat jetzt nichts mehr. Er ist einfach, er lebt und tanzt und springt voller Freude.


„Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“, das sagt noch etwas anderes: Glückserfahrung ist auch zeitlich nicht planbar. Manche meinen: Sobald ich die Prüfung geschafft habe, werde ich der glücklichste Mensch auf Erden sein. Doch dann ist die Prüfung vorbei. Und statt Glück empfindet man Leere: die Traurigkeit des Erfolgs. Diese eine Stunde, auf die ich solange hingelebt habe und von der ich alles Glück erwartet habe, enttäuscht mich, wenn sie da ist. Die Spannung lässt nach. Und die verminderte Spannung zieht auch die Stimmung nach unten. Das Glück lässt sich nicht festlegen oder festnageln. Es begegnet mir, wann und wo es will. An mir liegt es, bereit zu sein, es wahrzunehmen: Für die Freude, die mir aus einem lachenden Gesicht entgegenstrahlt. Für das Glück, das der frische Frühlingsmorgen mir vor Augen hält. Für die Verzauberung durch die Begegnung mit einem lieben Menschen. Die glücklichen Augenblicke können mich jeden Moment erwarten.


Wer Glück empfindet, möchte es festhalten. „Alle Lust will Ewigkeit“, meint Friedrich Nietzsche. „Verweile doch! Du bist so schön“, für einen solchen Moment will Goethes Faust seine Seele sogar dem Teufel verkaufen. Das Glück will Ewigkeit. Aber es lässt sich immer nur in diesem Augenblick wahrnehmen. Wer sein Ego loslässt und sich dem inneren Zustand des Glücks überlässt, für den steht die Zeit still. Und dann erfährt er das Glück nicht nur als kurzes Erhaschen eines schönen Augenblicks. Dann empfindet er, dass die Zeit stillsteht. In einer solchen Erfahrung scheint das Glück ewig zu währen. Meister Eckehart spricht von der Fülle der Zeit, wenn die Zeit stillsteht, wenn Christus selbst in die Zeit kommt. Glück ist immer erfüllte Zeit. In diesem Augenblick fallen Zeit und Ewigkeit zusammen. Ewigkeit erahne ich, wenn ich einfach nur im Schauen, im Spüren, im Wahrnehmen, in der Begegnung bin. Sobald ich nachrechnen oder kontrollieren will, falle ich schon aus der Zeit, die Ewigkeit ist, heraus. Und ich erlebe die Zeit, die mich auffrisst, die Zeit, die mir davonläuft. Die Zeit steht nur still, wenn ich selbst still geworden bin, wenn ich stehen bleibe und einfach nur im Stehen bin, im Wahrnehmen dessen, was ist.


Es gibt noch andere Sprichwörter, die den Augenblick mit dem Glück verbinden. So heißt es: „Augenblick bringt das Glück.“ Das Wort Augenblick meint ursprünglich den schnellen Blick der Augen, also eine kurze Zeitspanne, Zeit, die man nicht festhalten kann. Die Lateiner sprechen vom „ictus oculi“, vom Augenschlag. Sie denken dabei an die Bewegung der Wimpern. Die deutsche Sprache bezieht sich jedoch auf das Schauen. Aber es ist kein Schauen, bei dem ich verweilen kann, sondern ein kurzer Blick, der schnell vorbei ist. Ich habe gerade hingeschaut und schon ist das, was ich geschaut habe, vorübergegangen. Ich kann es nicht mehr sehen. Ich schaue nur auf das, was mich fasziniert, was meinen Blick auf sich zieht, auf etwas Interessantes und Anziehendes.


Wir verbinden mit dem Begriff „Augenblick“ in der Regel schöne Momente. Denn wenn uns etwas abstößt, schauen wir lieber nicht hin. Doch festhalten können wir den Augenblick nicht. Schon im nächsten Moment ist er vorbei. Wir können uns nur daran erinnern, dass wir in diesem Augenblick etwas geschaut haben, was unser Herz berührt.


Wenn wir das Wort „Augenblick“ meditieren, können wir es auch als den Blick der Augen verstehen, die auf uns schauen. Das deutsche Wort „Blick“ kommt ursprünglich von „Blitz, Glanz, heller Lichtstrahl“. In den Augen eines anderen Menschen kommt mir ein Leuchten entgegen, etwas Glänzendes. In der Begegnung schaut mich ein Mensch mit seinen Augen an. Und schon oft hat mich so ein „Augen-Blick“ verzaubert, vor allem wenn es ein Liebes-Blick war. Menschen, die sich verliebt haben, erzählen manchmal: Es war „Liebe auf den ersten Blick“. Sie haben sich angeschaut und in diesem Augenblick wussten sie, dass sie füreinander geschaffen sind. Wir dürfen beim „Augen-Blick“ aber auch an die liebenden Augen Gottes denken. Beim Propheten Jesaja sagt Gott zu jedem von uns: „Du bist kostbar in meinen Augen, wertvoll, und ich habe dich lieb.“ (Jes 43,4) Gottes Augen blicken auf mich, nicht um mich zu kontrollieren, sondern weil sie mich lieben. Gottes Augen begleiten mich. Sie zeigen mir, dass ich in keinem Augenblick allein gelassen bin. Immer bin ich unter Gottes guten Augen. Sie bringen Licht und Glanz in mein Leben. Sie ruhen auf mir, sie umgeben mich mit Liebe und Licht. Wenn ich darum weiß, wird jeder Augen-Blick zu einem erfüllten Augenblick, zum Glück, das mich aus den liebenden Augen eines Menschen oder meines Gottes anlacht.


So wünsche ich den Lesern und Leserinnen, dass sie immer wieder Augenblicke des Glücks erfahren, dass sie sich anschauen lassen von dem Glück, das ihnen in der Schönheit der Natur, in der Liebe eines menschlichen Auges und in der Liebe Gottes aufstrahlt.


Und ich wünsche Ihnen, dass in diesen Augenblicken Zeit und Ewigkeit zusammenfallen und Sie so erfahren lassen: „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.“

Aktuelle Ausgabe:
Juni, Nr. 6 – 2017
Neu: Lebensübergänge

Die Kraft der Stille