Lebenskunst: Langsamkeit - Pausieren - Muße

Langsamkeit tut der Seele gut

(Aus: Anselm Grün, Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, Verlag Herder)


Betriebsblind und verrannt


„Wären wir ruhiger, langsamer, so ginge es uns besser, ginge es schneller mit unseren Angelegenheiten voran.“ Robert Walser, der Dichter der leisen Töne, der sich schließlich aus der Welt zurückzog und seine letzten Lebensjahre in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte, hat die Krankhaftigkeit unserer Alltagswelt scharfsinnig beobachtet: Je hektischer wir etwas angehen, desto langsamer finden wir die Lösung. Um ein Problem wirklich lösen zu können, braucht es inneren Abstand. Nur wer in sich ruht, ist kreativ genug, um etwas Neues in Gang zu bringen. Wer hektisch nur um die Probleme kreist, der wird betriebsblind. Vor lauter Kreisen verrennt er sich und sieht keinen Ausgang. Wer sich dagegen in aller Gelassenheit zurücklehnt und von einem inneren Abstand her die Dinge betrachtet, der kann wirksamer eingreifen. Wir wollen alles immer schneller machen. Und müssen doch immer wieder lernen: Wir brauchen innere Ruhe, um von unserer kreativen Mitte aus die Dinge gelassen anzugehen.


Entschleunigung der Zeit


Zeitphilosophen raten uns, in einer Zeit immer größerer Beschleunigung die Zeit zu entschleunigen, sie zu verlangsamen. Allerdings wird uns dieser Rat bei unserer Arbeit in der Firma nur wenig nützen. Denn wenn wir langsamer arbeiten, werden wir unseren Job bald verlieren. Trotzdem ist es ein guter Rat. Wir brauchen Zeiten, in denen wir schnell und effektiv arbeiten. Aber wir brauchen auch langsame Zeiten, Zeiten, in denen wir uns nicht unter Druck setzen, in denen wir den Augenblick genießen können. Eine Hilfe kann sein, manche Wege bewusst langsam zu gehen. Das kann während der Arbeit geschehen, dass ich von meinem Büro zu einem anderen bewusst langsam gehe. Oder ich kann in der Pause oder in der Freizeit bewusst die Langsamkeit der Bewegungen genießen. Die Langsamkeit bringt mich in den Augenblick zurück. Ich genieße jetzt diesen Augenblick, diese langsame Bewegung. Wir Mönche verlangsamen immer wieder unsere Zeit, wenn wir fünfmal am Tag gemeinsam zum Chorgebet gehen. Beim Einzug schreiten wir bewusst langsam in die Kirche. Und im Singen nehmen wir uns die Zeit, die ein gutes Singen braucht. Diese Langsamkeit tut unserer Seele gut.


Bewusst langsam


Es gibt die schnelle und die langsame Zeit. Wenn ich arbeite, soll die Arbeit schnell von der Hand gehen. Das ist Zeichen für eine gesunde Spiritualität, in der ich innerlich nicht gebremst werde durch irgendwelche inneren Blockaden. Und es gibt die langsame Zeit, in der ich bewusst die Zeit verlangsame. Ich gehe bewusst langsam spazieren. Dann gehört jeder Schritt mir. Ich lasse mir Zeit zum Lesen, zum Musikhören, zum Gespräch. Wenn ich lese, lese ich. Wenn ich Musik höre, höre ich Musik. Und wenn ich mit jemandem spreche, ist nichts da, was mich von meinem Gegenüber ablenkt. Da schaue ich nicht auf die Uhr. Da genieße ich die Zeit. Es ist keine verlorene Zeit, sondern geschenkte Zeit. Ich lasse mich ein auf den Augenblick, nehme ihn mit allen Sinnen auf und genieße die Langsamkeit der Zeit, in der etwas Neues in mir reifen kann.


Schnelligkeit, die am guten Leben hindert


„Die meisten Menschen hasten so sehr nach Genuss, dass sie an ihm vorbeirennen“, diagnostiziert Søren Kierkegaard und beschreibt so die Beschleunigung, die ins Leere führt. Es gibt eine Schnelligkeit, die uns am guten Leben hindert. In ihr verlieren wir die Fähigkeit, im Augenblick zu sein und das zu genießen, was wir gerade erleben. In Kursen übe ich mit den Teilnehmern manchmal bewusst die Langsamkeit ein. Ich lasse die Menschen in der Gebärde der Schale ganz langsam durch den Raum gehen. Sie sollen sich vorstellen, dass sie in ihrer Schale etwas Kostbares tragen, das sie nicht verschütten möchten. Und so gehen sie langsam vor sich her und erleben erst das Geheimnis, ganz im Augenblick. Diese einfache Übung wird für viele zu einer Erfahrung der reinen Gegenwart. Und wenn sie ganz im Augenblick sind, erleben sie das Leben in seiner ganzen Intensität. Sie erleben, dass ihr Leben gut ist.


Lernt von der Schnecke


„Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny ist binnen kurzer Zeit zum Kultbuch geworden. Gegenüber einer immer größeren Beschleunigung setzt er auf die Langsamkeit als Gegenkraft. Der langsame Mensch – so glaubt man – hat mehr vom Leben. Und so sieht es auch Günter Grass, wenn er schreibt: „Werdet gesättigt, nicht satt. Lernt von der Schnecke, nehmt Zeit mit.“ Wer die Langsamkeit übt, der erfährt die Zeit nicht als Gegner, den er möglichst gut beherrschen muss, indem er sie gut managt. Er erlebt die Zeit als Geschenk. Er kann sie genießen. Aber wer die Langsamkeit absolut setzt, wird nicht mehr mitkommen mit der Zeit. Und wird seinen Arbeitsplatz verlieren. Schließlich braucht es beides: die Langsamkeit – die Verlangsamung der Zeit etwa in der Stille, in der Meditation, in der Liturgie, im persönlichen Umgang miteinander – und zugleich die Zeit, in der die Arbeit schnell geschieht, in der sie einfach aus mir herausströmt, rasch und effektiv. Die Spannung zwischen der langsam und der schnell vergehenden Zeit hält uns lebendig und im inneren Gleichgewicht. Wenn wir einen Pol absolut setzen, geraten wir entweder unter ständigen Zeitdruck (bei der Beschleunigung), oder wir verlieren die innere Spannung (bei der Verlangsamung).


Pausieren: Lass dir Zeit und mach mal Pause

(Aus: Karin Lichtenauer, Gönn dir eine Pause. Herder Spektrum)


Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat schon vor über 100 Jahren die atemlose Hast der Arbeit und die wilde Geldgier als das eigentliche Laster bezeichnet: “Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet – man lebt, wie einer, der fortwährend etwas versäumen könnte.“


In der rastlosen Non-Stop-Gesellschaft die pausenlose Aufmerksamkeit fordert und pausenlosen Einsatz prämiert, gerät auch das genussvolle Pausieren unter Verdacht, den die Müssiggang und das Nicht-Arbeiten in Deutschland seit alters ausgesetzt ist. Selbst die großen Geister fallen in diesen Chor ein. Im Grimmschen Wörterbuch heißt die Bilanz: “Bei Luther etwa nimmt der Müßiggang den selben Stellenwert ein wie Fressen, Saufen, Spielen, Tanzen, Unkeuschheit. Dass der Müßiggang aller Laster Anfang ist, und des Teufels Ruhebank, sollte wohl allbekannt sein.” Nonstoparbeiten kann die Hölle sein.


“Mach mal Pause…” – der geniale Spruch eines Getränke-Werbetexters, der nur zum Kaufen Anreizen will: Die Pause mit einem Produkt zuschütten. Die Alternative einer Dichterin Elfriede Gerstl: “Mach mal pause und schau mal in dich/ und um dich/ beschnupper die luft und den schnee/ fürchte dich nicht…”


Wer keinen Mut zum Ausruhen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen”(Internationale der sozialistischen Nonaktivisten)


Selbst Gott hat am siebten Tage geruht. Gönn dir also eine Pause.


Wer den Mut hat, Zeit zu verlieren, gewinnt: Wer Zeit gewinnen will, muss auch Zeit verlieren können, wenn wir die Zeit nicht verlieren können, geht sie uns verloren. „Je schneller wir werden, umso häufiger kommen wir zu spät. Das aber nicht, weil wir nicht rechtzeitig da sind, sondern weil wir an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens vorübereilen.“ Sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler.


Unterbrechung


Eine Studie hat herausgefunden, dass einer von fünf Chefs nie eine Kaffeepause macht. Im Rahmen der Untersuchung stellte man fest, dass sich daraus ein negativer Effekt für die Gesundheit der Mitarbeiter ergibt, da diese sich genötigt sehen, nun ebenfalls auf Kaffeepausen zu verzichten. Niemanden überrascht es - das Betriebsklima im Büro ist deutlich besser, wenn regelmäßige Pausen gemacht werden. So eine andere Studie.
Das knüpfen von Kontakten unter Kollegen bei einem gemeinsamen Kaffee führt zu einem verbesserten Zusammenhalt der Belegschaft und zu verbesserten Leistungen. DAs hat die Universität Cambridge in einer Untersuchung festgestellt. Dr. Brendan Burchell, der die Studie leitete, sagt: „Pausen während der Arbeit sind wirklich wichtig für das Wohlbefinden der Beschäftigten. Arbeiten ohne Pause kann zu Gesundheitsproblemen führen.”


Wozu Pausen noch gut sind


In einer Wiener Expresszug war zu lesen:


Warten ist gut für die Bauchmuskulatur.
Wieso denn das?
Ganz einfach.
Einfach den Bauch einziehen.
Anspannen.
Und halten.
Und noch einmal von vorne.


Neustart


Nach der Pause kann man neu starten. Es ist wie am Morgen. Stimmung und Absicht beim Aufstehen bestimmen den ganzen Tag. Der Start ist wichtig. Man kann jederzeit frisch und zuversichtlich neu anfangen, gleich was bisher war.


Die Pause bringt den Stress zum Schmelzen.
Leben ist mehr als Arbeit im Nonstopverfahren. Und Pause nicht nur das Gegenteil von Streß und Aktivität. Sie muß auch nicht lang sein. Wer recht pausiert hat mehr vom Leben, er hat die Zeit, die Genuss und Freude bringt. Er ist bei sich selber. Pausen sind wie kleine (oder große) Ferien. Sie geben dem Leben Rhythmus, Farbe, Zwischentöne, Lust und Glück. Relaxen, ein Nickerchen, die kreative Kunst des Nichtstuns, der Spaß des Pausenclowns, das Tanken an den Quellen neuer Kraft. Sie sind ein Geschenk.
Wer pausiert weiß:
Man kann nicht glücklich werden.
Nur glücklich sein.
Hör auf, nach dem Glück zu jagen.
Stop einfach. Halt inne.
Lass das Glück zu dir kommen


Wer Pausen macht, hat mehr vom Leben


Pausen sind wie kleine Ferien. “Das leichtmütige Vergnügen der Kleinen Ferien, das zwischen den Tätigkeiten herumflattert, hält die Dinge auseinander, schiebt sich dazwischen, ein Luftkissen für Gesichter. Wie sehr alle Dinge Luft zwischen sich brauchen, um sich abzuheben und nicht trübe ineinanderzufliessen, wird man vor eitel drinstecken in der Arbeit nicht immer gewahr.” (Maria Otto)


Pausen sind wie Luft zum Atmen


Der alte chinesische Philosoph Jang Tschu vertritt die Meinung, dass uns “der Schlaf in der Nacht und nichtige Angelegenheiten am Tage” um die Hälfte unseres Lebens bringen.


Gabriel Laub hat daraus seine eigene Schlußfolgerung gezogen: “Gegen den Schlaf am Tage hat Jang Tschu nichts gesagt. Und es gibt in der Tat nur wenig von dem, was wir tun, das man nicht als nichtig bezeichnen könnte.”


In die Natur – nicht nur


Warum Pausen in der Natur so erholsam sind? Warum uns Gräser, Wiesen, ein Baum mit so reiner Lust erfüllen? Christian Morgenstern weiß die Antwort: “Weil wir Lebendiges vor uns sehn, das nur von außen her zerstört werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen sich nicht selbst in den Rücken wie der Mensch mit seinem Geist und ersparen und damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zwiespältigen Lebens.”


Pausen in der Natur verbringen – die beste Möglichkeit, neue Kraft zu tanken. Im Gras liegen und die Energie der Sonne und er Erde spüren. Oder in einem ruhigen . Wald langsam schlendern-Spüren: Die Erde trägt mich. Die Sonne scheint für mich. Die Stille schützt mich.


Es gibt Orte der Pause, Orte, die friedlich und ruhig sind –und die man ganz bewusst aufsuchen kann. Das kann eine Bank im Park sein. Ein Baum irgendwo. Ein Weg im Wald, der einen Bach begleitet. Ein bestimmter Blick aus dem Fenster. Ein Zimmer im eigenen Haus. Das Sofa in der Wohnung.


Es gibt Pausenorte und Pausenzeiten, die plötzlich kommen und die man in ein Geschenk verwandeln kann: Schenk dir eine Pause, wenn der Zug Verspätung hat. Wenn du auf einen Bus wartest. Wenn der Stau sich nicht auflösen will. Wenn du im Warteraum des Arztes lange Zeit hast. Wenn die Ampel an der Baustelle gerade auf eine lange Rotphase geschaltet hat. Duchatmen. Entspannen. Den Drang zur Aktivität unterbrechen. Das “Zeitloch” als persönliches Geschenk verstehen. Solche Momente sind über den Tag verstreut. Verbinde sie zu einer Pausenkette, die den Alltag wertvoll macht. Ein Experte sagt: “Ein Tag mit 15 Momenten, in denen die Zeit still zu stehen scheint, wird Sie ausgeglichen und ruhig machen, unabhängig wie viel Stress Sie hatten.”


Innerer Sabbat


Pausen geben unserem Leben Offenheit. Sie müssen nicht verplant und vollgepackt sein. Man kann sie einfach auch nur verträumen, verbummeln, man kann in Gedanken verreisen und doch da blieben, dösen und trödeln. Ohne jede Verpflichtung. Vielleicht kommt Muße auch nur auf, wo keine Planung Grenzen setzt.


Pausen – ein innerer Sabbat, der auch im Alltag möglich ist: Innehalten, aufatmen, zur Ruhe kommen – und zu sich selber.
Pause wird dann zur Muße, wenn in ihr die Kunst gelingt, sich selber ein angenehmer Gesellschafter zu sein.


Leben ohne Feste ist wie ein langer Weg ohne Rasthäuser (Demokrit)


Ich bin immer, auch im Leben für Ruhepunkte. Parks ohne Bänke können mir gestohlen werden. (Theodor Fontane)


„Das Leben besteht aus seltenen einzelnen Momenten von höchster Bedeutsamkeit und unzählig vielen Intervallen, in denen uns bestenfalls die Schattenbilder jener Momente umschweben. Die Liebe der Frühling, jede schöne Melodie, der Mond, das Meer – alles redet nur einmal ganz zum Herzen, wenn es überhaupt je ganz zu Worte kommt. Denn viele Menschen haben jene Momente gar nicht und sind selber Intervalle und Pausen in der Symphonie des wirklichen Lebens.“ (Friedrich Nietzsche)


Unser Lebensweg steht auf beiden Seiten so voll Bäumchen und Ruhebänken, dass ich mich wundere, wenn einer müde wird. (Jean Paul)


Eine Pause muss nicht lang sein. Eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel. “Nicht das Maß der Zeit entscheidet, wohl aber das Maß des Glücks.” (Theodor Fontane)


Pause – das ist nicht, wenn man sich die Zeit vertreibt. Sondern, wenn man die Zeit aus dem Blick verliert und sie dadurch gerade gewinnt und genießt.


In der Arbeit ist man bei der Sache. In der Pause bei sich selbst. Nur wer bei sich ist, kann auch die Arbeit anders sehen. Nur wer innerlich zur Ruhe kommt, wird auch eine äußere Ruhe-Zeit genießen können.


Pausen nicht mit Aktivitäten - auch nicht mit sog. Freizeitaktivitäten - zustopfen. Richtige Pausen haben mit Müßiggang zu tun. Sie sind die kleine Schwester der Muße.


Der Philosoph Cioran hat darauf hingewiesen, dass wir nicht nur auf unsere Leistungen stolz sein und nur auf Aktivitäten schauen sollen und dass nicht nur die Zeit zählt, in der wir etwas auf die Beine stellen: “Unser eigentliches Vermögen: die Stunden, in denen wir nichts getrieben haben. Sie sind es, die uns formen, uns individualisieren, uns unterscheiden.”


Was nicht einmal die Götter wissen


Als der eben angekommene Schüler den Zenmeister zum ersten mal bei seiner Zen-Übung sah, fragt er ihn: Was machst du da?
Der Meister erwiderte: Gar nichts.
Der Schüler sagte:
Du sitzt also nur faul da.
Der Meister: Wenn ich faul dasäße, würde ich ja etwas tun!
Der Schüler, verständnislos: Hast du nicht gesagt, du würdest nichts tun? Was also tust du nicht?
Der Meister: “Das wissen nicht einmal die Götter!”
(Zengeschichte)


Tagträumen


Es gibt Leute, die zweifeln sogar, ob es Nichtstun überhaupt geben kann. Nicht einmal nachts kommt man zur Ruhe. Spricht man nicht sogar von nächtlicher Traum-Arbeit. Dagegen hilft nur ein Gegenbeweis: Das Tag-Träumen. Mitten am Tag still werden und sich auf sich selbst zurückziehen auf die Insel, die das eigene Ich ist. Endlich einmal nicht abgelenkt von äußeren Ansprüchen, von Zielen und Programmen. Endlich einmal nicht einmal konsumieren. Endlich einmal immer nur auf andere eingehen. Sich überfluten lassen von Eindrücken, die von innen kommen. Schwerelos Gedanken aufsteigen lassen wie Ballons, den eigenen Phantasien Freilauf geben, die Gedanken spazieren führen, zwecklos, spielerisch laufen, streunen lassen, konzentriert.


Pausen-Tips:


Am Fenster sitzen und nur spielenden Kindern zusehen, ohne Absicht, wie das Spiel der Kinder selbst. Menschen auf der Strasse beobachten. Sich Geschichten zu jedem einzelnen ausdenken. Einen kleinen Roman für sich erfinden.


An gar nichts denken wollen. Dem Strom der Gedanken, die sich dennoch einstellen, zusehen wie Wolken, die am Himmel vorbeiziehen. Sogar die eigene Unruhe kann man wahrnehmen – und sie gerade dadurch in Ruhe verwandeln. In der Pause hat sie zeit, aufzusteigen und wieder zu verebben, weil nichts sie auf die Seite drängt, weil nichts sie verdrängt.


Das alte Prinzip der Mönche, ora et labora, bete und arbeite, verhindert pausenlose Aktivität und weist auf einen Rhythmus hin, in dem unser Leben sich nur entfalten kann. Nur wer solche Pole zulässt und lebt, lebt in Balance und findet seine Mitte.


Gehen als Pausenfüller. Das beruhigt ungemein: Es gibt keinen Stress, der nicht “vergeht” wenn man spazierengeht. Und alles “läuft” wieder besser, wenn man eine Weile gelaufen ist.


Pause in der Pause: Während eines Staus auf der Autobahn ein kleines Büchlein neben sich liegen haben – und nur einen Satz lesen. Und den als homöopathische Dosis auf sich wirken lassen.


Wenn es langweilig wird in der Pause: Langeweile akzeptieren.


Bei Stress im eigenen Haus. Einen Kunstband aus dem Regal holen und nur ein einziges Bild betrachten, in allen Details und in aller Ruhe. Die Augen schließen und in Gedanken durch das Bild wandern.


Inmitten einer stressigen Hausarbeit: Eine Katze auf den Schoß nehmen und streicheln. So lange bis sie schnurrt. Und diesen Zustand genießen und zu verlängern suchen.


Mit einem Hund spazieren gehen, sich von ihm führen lassen.


Für Vieldenker ist eine nützliche Pause das Abschalten der Gedankenmaschine und das Nichtsdenken: “Denn das Faulsein der Gedanken kann Erfindungen hervorbringen.” (Friederike Mayröcker)


Der Mensch ist nicht zur Arbeit geschaffen,
sonst würde er dabei nicht so schnell müde.


Pausen geben Abstand – und Übersicht: “Von dem, was du erkennen und messen willst, musst du Abschied nehmen, wenigstens auf eine Zeit, Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Türme über die Häuser erheben.” (Friedrich Nietzsche)


Vorsicht ist nicht Furcht, und Hast ist nicht Heldenmut (Jüdisch)


Die Kaffeepause im Café verbringen, sich einrichten am Tisch, die Nachbarn diskret beobachten, vom Fensterplatz aus den Passanten zusehen: Eine Stunde wie im Urlaub verbringen.


In der Pause einfach nur sitzen und schauen. Dazu braucht man natürlich einen angenehmen Ort, im Sommer etwa in einem Park. Oder in einem Museum, vor einem Bild. Oder an einem Fluss. Solche Oasen gibt es überall.


Pausen sind nicht alles. Und jede Pause muß ein Ende haben, sonst verliert sie ihren Sinn. “Wenn alle Tage im Jahr gefeiert würden, wäre Spiel so lästig wie Arbeit.” (William Shakespeare)


Muße – keine falsche Beschaulichkeit

(Rudolf Walter, Editorial zum Themenheft von einfach leben: Lob der Muße)


Muße ist alles andere als Aktivismus. Und auch alles andere als Faulheit. Was manchmal das Gleiche ist: „Die Faulheit, die im Grunde der Seele des Tätigen liegt, verhindert den Menschen, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu schöpfen.” Friedrich Nietzsche war schon vor über 130 Jahren einer der hellsichtigsten Kritiker einer Wirtschaft, der Zeit Geld, die Natur Profitmöglichkeit und der Mensch nur ein Produktionsfaktor ist. Als Zeit in Geld verrechnet wurde, eine Größe, die unersättlich vermehrt werden will, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geissler, da kam die Hektik in die Gesellschaft. Das Leben wurde immer schneller, die Menschen immer erschöpfter. Zeitdruck war das Mittel zur Disziplinierung. Heute, im Informationszeitalter glauben wir durch Verdichtung der Zeit Zeit zu gewinnen. Es funktioniert nicht. Technische Mittel, die angeblich Zeit gewinnen helfen, sind Zeitdiebe. Und Zeitdiebe sind Lebensdiebe.


Meine Zeit ist mein Leben. Wenn wir Zeit-Inseln der Muße freihalten, dann tun wir uns selber etwas Gutes, seelisch und körperlich. Das ist weder aufwendig noch kostspielig. Aber wir schlagen den totalitären Ansprüchen von außen ein Schnippchen. Wie? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, je nach Veranlagung des Einzelnen und je nach Lebenssituation: Musizieren, Spielen, Meditieren. Das Gespräch mit Freunden. Bewusstes Erleben von Intimität. Gemütliches Kochen und genussreiches Essen. Das ungestörte Lesen eines Buches: Eintauchen in Geschichten, langsames Entziffern eines Gedichts. Eigenhändig etwas gestalten. Oder einfach Nachdenken in Stille. Ausloten eigener Gefühle und Gedanken. Abschalten – ganz konkret auch Computer und Handy.


Wichtig, dass man auch von der Fixierung auf sich wegkommt und doch bei sich ist, nicht fremdbestimmt und ferngesteuert. Einfach leben – das ist die Quelle. Den Himmel wieder sehen. Bewegung. Nicht Jogging bis zur Leistungsgrenze, sondern der ausgedehnte Spaziergang über Wiese und Wald. Einfach nur schauen, riechen, hören. Achtsam auf alles, was einem begegnet: Blumen, Vögel, Gras –die einfachsten Dinge. „Sorglos schlummert die Brust und es ruhn die strengen Gedanken.“ So beginnt Hölderlin in seinem Poem „Muße“ einen solchen Spaziergang und endet: „Leben! Leben der Welt! du liegst wie ein heiliger Wald da, …Glücklich wohn ich in dir.“


Muße, ganz bewusst hineingenommen mitten ins Leben, das ansonsten von Arbeit, Beruf und Leistung bestimmt ist, wird zum Brandschutz gegen burnout. Aber keine falsche Beschaulichkeit! Noch einmal Nietzsche, der klarmacht: Muße, ist lebendige Ruhe, tätiges Freisein. „Hüte dich, dass deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht nicht vorwärts und die Begierde nicht rückwärts gehen lässt: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Münder wären.”


Muße – Teilhabe an Gottes Sabbat-Ruhe

(Aus: Anselm Grün, Kleines Buch vom guten Leben, Herder spektrum)


Griechen und Römer schätzten die Muße hoch. Sie war die Voraussetzung, sich in philosophische Ideen zu vertiefen oder sich der Kontemplation zu widmen. Muße war die freie Zeit, die Gott dem Menschen gab, um über das Geschenk des Lebens nachzudenken. Die christliche Tradition hat die Ideen der griechischen Philosophie mit den Bildern der Bibel verbunden. Da ist einmal das Bild der Sabbatruhe Gottes. Gott ruht am siebten Tag aus. An dieser Sabbatruhe Gottes darf der Mensch teilhaben. Am Sonntag braucht er nicht zu arbeiten, da kann er sich dem Leben widmen. Ein anderes Bild war die Erzählung Jesu von Marta und Maria, den beiden ungleichen Schwestern. Maria hat den Teil der Muße, der Kontemplation, gewählt. Und dieser Teil ist für Jesus der gute Teil. In der Tradition hat man das oft mit „besser“ übersetzt.


Der hl. Benedikt warnt jedoch vor Müßiggang. Muße ist etwas Aktives. Ich genieße die Zeit. Ich widme mich der Lesung, dem Gespräch oder der Meditation. Im Müßiggang weiß ich nicht, was ich tun soll. Er sagt: „Müßiggang ist der Seele Feind.“ (RB 48,1) Einfach herumzuhängen, ohne etwas Sinnvolles zu tun oder ohne die freie Zeit für Lesung oder Meditation zu nutzen, ist für die Seele schädlich. Da verliert die Seele an Spannkraft. Das Sprichwort sagt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Das ist eher moralisch gedacht. Benedikt denkt psychologisch. Der Psyche tut es nicht gut, müßig zu sein. Muße zu pflegen ist eine eigene Kunst. In der Muße genieße ich die freie Zeit. Ich widme mich geistigen Tätigkeiten. Ich lese. Ich denke nach. Ich meditiere. Ich bin ganz im Augenblick. Solche Muße hat etwas Heilendes und Befreiendes. In ihr haben wir teil an der Sabbatruhe Gottes.

Aktuelle Ausgabe:
Juli, Nr. 7 – 2017
Neu: Lebensübergänge

Die Kraft der Stille