Spiritualität: Rituale - Stille - Gebet - Engel

Was ist Spiritualität? Wohin führt der spirituelle Weg?


Spiritualität meint eigentlich: Leben aus dem Geist. Und für uns als Christen ist es der Heilige Geist, der uns durchdringt und aus dessen Quelle wir leben möchten.
Wenn ich mich der Wirklichkeit stelle und sie mit dem Geist Gottes durchdringe, dann ist es ein guter spiritueller Weg.


Unter dem spirituellen Weg verstehen wir den Weg, auf dem wir nach innen gehen, um in unserem Herzen immer mehr vom Geist Gottes erfüllt und verwandelt zu werden. Der spirituelle Weg ist ein Weg des Immer-Durchlässiger-werdens für diesen Geist, für den Geist Jesu Christi. Er geht über den Weg der Achtsamkeit, der Stille, der Kontemplation, des Gebetes und der Askese. Entscheidend ist auf all diesen Wegen, dass ich nicht um mich und mein Fortkommen kreise, sondern auf Gott zugehe und offen werde für seine unbegreifliche Liebe. Und wichtig ist, dass dieser Weg fruchtbar wird für die Welt, dass er mich zu den Menschen führt.


In uns ist ein Raum, zu dem die Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen keinen Zutritt haben. Dort haben auch unsere eigenen Selbstverurteilungen keinen Zutritt. Es ist der Raum der Stille, in dem Gott in uns wohnt. Dort, wo Gott in uns herrscht (das meint das „Reich Gottes“, das uns Jesus verkündet hat), sind wir frei von der Herrschaft der Menschen. Dort sind wir authentisch. Dort sind wir ganz wir selbst. Dieses wahre und unverfälschte Selbst können wir nicht mehr beschreiben. Wir können es nur erahnen.

(Aus: Anselm Grün, Perlen der Weisheit, hg. von Rudolf Walter)


Wenn ich Ja sage zur Durchschnittlichkeit meines Alltags, dann ist der Alltag für mich ein wichtiges spirituelles Übungsfeld. Denn darin übe ich die Treue ein, die Treue zu mir, zu den Menschen und zu Gott. Da übe ich die Selbstlosigkeit ein. Ich gebe mich hin an diese Arbeit, an die Menschen, für die ich heute da bin. Dann ist das Alltägliche nicht leer, sondern der Ort, an dem ich meine Liebe einübe und verwirkliche. Dann werde ich immer wieder auch im Alltag Begegnungen erfahren, die mich beglücken. Und auf einmal wird das Leere zur Fülle, das Banale zum Heiligen und die Routine wird aufgebrochen für die göttlichen Überraschungen, in denen das Unverfügbare der göttlichen Liebe in meinen Alltag einbricht.

(Aus: Anselm Grün, Buch der Antworten)


Rituale


Was passiert im Ritual?


Im Ritual halte ich inne. Rituale sind immer etwas Handfestes. Ich nehme etwas in die Hand. Ich zünde eine Kerze an. Ich mache eine Gebärde. Ich setze mich hin, um ein Buch zu lesen. Oder ich schweige einige Augenblicke. Ich meditiere. Die Rituale geben mir das Gefühl, dass die Zeit mir gehört. Sie geben am Morgen dem Tag ein anderes Gepräge. Ich spüre nicht die Last der Zeit, sondern ihr Geheimnis. Nicht die Zeit überfällt und bestimmt mich, sondern ich forme und präge sie. Ich nehme mir ein Stück Zeit, um dem Terror der mich aussaugenden Zeitansprüche zu entrinnen.
Rituale sind Augenblicke, in denen ich ganz bei mir bin und möglicherweise ganz bei Gott. Sie sind Tabuzonen, ein Schutzraum, zu dem die Menschen mit ihren Erwartungen keinen Zutritt haben. Sie geben mir das Gefühl, dass ich selbst lebe, anstatt gelebt zu werden. Die Rituale brauchen nicht viel Zeit. Aber sie sind Haltepunkte während der Zeit. Während des Rituals steht die Zeit still. Da hört die Zweckbestimmung der Zeit auf. Ich gönne mir das Ritual. Ich komme mit mir in Berührung. Ich kann aufatmen.

(Aus: Anselm Grün, Im Zeitmaß der Mönche)


Was schaffen Rituale?


Die Rituale sind einfach. Es sind keine komplizierten Methoden, die ich erlernen muss. Die Rituale lehren mich, einfach da zu sein, mich zu spüren, den Augenblick zu spüren. Indem ich in mich hineinspüre, bin ich ganz bei mir, komme ich in Berührung mit meiner innersten Wahrheit. Wir leben ja oft außerhalb von uns, wir lassen uns leben, anstatt selber zu leben. Rituale lehren mich, selbst zu leben. Viele von ihnen gehen über den Leib, über den Atem, über eine Gebärde. Der Leib hilft uns, ganz im Augenblick zu sein. Denn der Kopf ist immer unruhig. Doch wenn wir im Ritual unseren Leib spüren, sind wir ganz präsent, ganz bei uns, ganz im Augenblick.


Die Rituale schaffen mitten im Trubel unseres Lebens heilige Augenblicke. Heilig ist das, was der Welt entzogen ist. Die heilige Zeit, die mir das Ritual schenkt, gehört allein mir und allein Gott. Da kann niemand sonst über mich verfügen. Die Rituale befreien mich von der Macht der anderen, von ihren Ansprüchen und Erwartungen. Sie zeigen mir, dass ich nicht einfach in der Welt aufgehe, sondern dass ich einen Ort in mir habe, über den die Welt nicht verfügen kann. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit.


„Heilig“ hat noch zwei andere Bedeutungen. Für die Griechen vermag allein das Heilige zu heilen. Das Heilige ist immer auch heilsam. Und das Heilige ist – so sagt uns die Religionsgeschichte – mit Kraft aufgeladen. Das Ritual bringt uns mit der Kraft des Heiligen in Berührung. Es stärkt uns mitten im Trubel unseres Alltags. Es wird zu einer Kraftquelle, aus der wir schöpfen können.


Für Juden und Christen ist das erste und entscheidende Ritual das Ritual des Sabbats. Das Einhalten des Sabbats wird den Israeliten schon in den Zehn Geboten eingeschärft: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig: Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“ (Ex 20,8-10) Die heilige Zeit des Sabbats ist eine Zeit der Ruhe. Die Rituale schaffen mitten in der Hektik des Alltags Zonen der Ruhe. Die Ruhe war für die Griechen etwas Aktives, Zeit, über das Wesentliche nachzudenken. Sie haben zwei Worte für die Ruhe: „anapausis“ bedeutet die Ruhepause, die ich einlege, in der ich aufatmen kann. Rituale sind solche Ruhepausen. Wir unterbrechen den üblichen Fluss des Lebens und machen eine Pause. Es ist immer eine kreative Pause, in der wir aufatmen, in der in uns auch neue Ideen auftauchen. Indem wir aufatmen, strömt nicht nur frische Luft in uns ein, sondern auch frische und neue Ideen. Das zweite Wort ist: „schole“, das Muße und Ruhe bedeutet. Von dort kommt unser deutsches Wort Schule. „Schole“ hat als Wurzel das Verb „echein“. Es bedeutet innehalten. Das ist ein schönes Bild für das Ritual. Im Ritual halten wir mitten im Fluss und im Getriebe des Lebens inne, um im Inneren Halt zu finden. Wir machen Halt, um vom Äußeren in das Innere zu gelangen. Und dort im Inneren finden wir Halt in unserer Seele. Von diesem Halt aus können wir dann die Welt gestalten.


Die Rituale wollen uns in Berührung bringen mit uns selbst.
Und schließlich wollen sie uns in die Ruhe und in die Stille führen. Nur diese vier Bereiche, die mir vom Ritual des Sabbats her entgegen kommen, möchte ich in diesem Buch anschauen. In anderen Büchern habe ich Rituale zum Kirchenjahr oder zu den verschiedenen Zeiten des Tages oder den wechselnden Anlässen in unserem Leben beschrieben. Allen Ritualen gemeinsam ist, dass sie für uns heilige Orte und Zeiten schaffen, uns zu unserem wahren Selbst führen und uns in den inneren Raum der Stille auf dem Grund unserer Seele führen wollen.

(Aus dem Vorwort zu: Anselm Grün, Einfach leben - Mein Wochenritual)


Stille

Trost des reinen Seins


Für manche ist die Stille bedrohlich. Sie haben Angst, still zu werden, weil dann ihre Schuldgefühle aufsteigen oder die Ahnung, dass ihr Leben nicht stimmt, dass sie an sich selbst vorbei leben. Für mich ist die Stille heilsam. Ich bin dankbar, dass ich in meiner Klosterzelle in die Stille eintauchen kann. Da stört mich nichts. Ich genieße die Stille. In der Stille habe ich kein Bedürfnis nach Kommunikation. Da bin ich ganz bei mir. Wenn ich dann nach dem Frühchor in meiner Gebetsecke vor der Christusikone meditiere, fühle ich die Stille als einen Raum der Liebe, in dem ich mich geborgen weiß.


Ich tauche ich in die Stille ein wie in ein frisches Bad. In der Stille verstummen die inneren Gespräche. Da muss ich nichts leisten. Da darf ich einfach sein, wie ich bin. Ich muss niemandem antworten, mich auf keinen einlassen. Ich bin einfach, ohne Erwartung, ohne Druck, ohne Anforderung von außen. Die Stille ist für mich reines Sein. Ich muss mich nicht beweisen. Ich muss nicht etwas Interessantes beitragen. Ich darf einfach nur da sein.

(Aus: Anselm Grün, Die sieben Tröstungen)


In Berührung mit dem stillen Raum in mir


Die Mystiker sprechen davon, dass in jedem von uns ein Raum der Stille ist, ob wir wollen oder nicht. Aber oft sind wir abgeschnitten von diesem inneren Ort. Es ist ein Raum des Friedens, des Lichtes und der Liebe. Dieser Raum ist in uns. Unsere Aufgabe ist es nur, in diesen Raum mit unserem Bewusstsein einzutauchen.


Wir können diesen Raum der Stille nicht immer spüren. Manchmal wird es uns in der Meditation geschenkt. Manchmal aber hilft allein die Vorstellung, dass unterhalb aller Gedanken und Gefühle, die in mir auftauchen, sobald ich in die Stille gehe, dieser Raum der Stille ist. Für mich ist es eine Hilfe, mich in die Stille zu setzen, etwa in eine stille Kirche oder auf einen Baumstamm in einem stillen Wald. Dann erahne ich, dass die Stille, die mich umgibt, auch in mir ist. Dann werde ich eins mit der Stille um mich herum. Und wenn ich eins bin mit der äußeren Stille, spüre ich auch in mir diesen stillen Raum, diesen „Ort Gottes“, diese „Schau des Friedens“.


Ein anderer Weg ist der Weg des Atems. Ich stelle mir vor, dass ich im Ausatmen durch alle Schichten meiner Seele in den Grund gelange. Der Ausatem geht durch den Ärger, durch die Unruhe, durch den inneren Lärm, durch die Selbstvorwürfe hindurch in den Grund der Seele. Und dort unterhalb aller Emotionen und Gedanken ist dieser Raum der Stille. Ich werde diese Stille immer nur für einen Augenblick ganz intensiv spüren. Dann werden die Gedanken wieder auftauchen. Aber dieser eine Augenblick der Stille verwandelt meine Selbstwahrnehmung. Ich spüre bei allem Lärm dieser Welt und bei aller Verantwortung, die ich für andere habe, immer wieder diesen Freiraum der Stille, zu dem die Menschen keinen Zutritt haben. Das ist für mich wohltuend, eine Tröstung, die ich nicht vermissen möchte.

(Aus: Anselm Grün, Die sieben Tröstungen)


Gebet


Was kann das Gebet bewirken?


Zunächst verändert es uns selbst. Das Beten tut uns gut. Es bringt uns in die eigene Wahrheit, und es schenkt uns das Vertrauen, dass wir mit unseren Anliegen nicht allein sind. Wenn wir im Gebet etwas erbitten, dann erfüllt sich das Gebet nicht automatisch. Wir dürfen Gott um alles bitten, für uns oder für andere Menschen. Und manchmal dürfen wir auch erfahren, dass das Gebet etwas bewirkt, sodass es uns oder dem andern besser geht, dass eine Krankheit geheilt wird. Aber das ist nicht selbstverständlich. In jedem Gebet fügen wir hinzu: „Dein Wille geschehe!“ Wir können im Gebet Gott nicht zu etwas zwingen. Wir können ihn bitten. Im Bitten verwandelt sich schon unsere Situation. Und manchmal dürfen wir auch das Wunder erfahren, dass sich wirklich etwas wendet. Zumindest verwandelt das Gebet uns. Wenn ich für einen anderen bete, bekomme ich mehr Hoffnung ihm gegenüber und kann ihm so vertrauensvoller begegnen. Oft erkenne ich im Gebet, was ich dem andern sagen könnte. Das Gebet verändert mich und meine Beziehungen. Und ich darf vertrauen, dass Gott im andern neue Gedanken bewirkt, ihn mit Frieden und Zuversicht erfüllt.


Man kann das, was im Gebet geschieht, nur in Bildern ausdrücken. Ein schönes Bild hat der jüdische Philosoph Abraham Joshua Heschel in seinem Aufsatz „Das Gebet als Äußerung und Einfühlung“ im Jahre 1939 verwendet: „Beten heißt, an ein Wort fassen, an den Endpunkt einer Schnur, die gleichsam zu Gott führt. Je größer die Kraft, umso höher ist der Aufstieg an dem Wort. Beten heißt aber auch, dass der Widerhall des Wortes wie ein Senkblei in die Tiefe der Person fällt. Je reiner die Bereitschaft, umso tiefer dringt das Wort.“ Das Beten führt mich also immer näher zu Gott heran. Aber es bringt mich auch in Berührung mit meinem eigenen Wesen, das mir in der Tiefe meiner Seele oft genug verborgen bleibt.

(Aus: Anselm Grün, Buch der Antworten)


Engel


Wofür Engel stehen


Engel sind für mich ein Bild für Gnade. Und, auf unser Leben bezogen, auch ein Bild für innere Fähigkeiten, für das innere Potenzial, mit dem ich frei und schöpferisch umgehe und das ich in meinem Leben entfalten kann. Viele Menschen haben die Ahnung, dass sie jemand begleitet in ihrem Bemühen, „recht“ zu leben. Dieser Begleiter ist der Engel. Er kommt als Bote Gottes in mein Leben, in mein Herz: das heißt in jene Lebensmitte, in der sich die Richtung meines Lebens entscheidet.


Engel bringen uns in Berührung mit dem Potenzial, das in unserer Seele liegt. Aber wir können über die Engel nicht verfügen. Sie sind eine Wirklichkeit, über die wir aber nur in Bildern sprechen können. Die Künstler haben nicht umsonst die Engel mit Flügeln dargestellt. Engel beflügeln uns, sie schenken unserer Seele Leichtigkeit. Aber das Bild der Flügel will uns auch sagen: Wenn wir zu genau wissen wollen, was die Engel sind, wie sie ausschauen und was sie uns ganz konkret und genau sagen, dann fliegen sie weg. Über Engel kann man nur schwebend sprechen. Engel sind getreue Begleiter auf unserem Weg. Aber sie sind zugleich unverfügbar.


Engel schützen unsere Person und bringen uns in Berührung mit unserer Seele, mit dem inneren Raum der Liebe und Freiheit.

(Aus: Anselm Grün, Perlen der Weisheit)


Ich wünsche dir einen guten Engel


„Ich wünsche dir einen guten Engel, der dich begleitet.“ Wenn wir einem andern etwas Gutes wünschen, verbinden wir unseren Wunsch oft mit dem Bild des Engels. Wir wünschen, dass ein Engel ihn begleitet und ihr beisteht, dass ein Engel sie schützt und ihn davor bewahrt, einen Fehler zu machen. Solche Wünsche kommen immer aus der innersten Mitte des Menschen. In ihnen wende ich mich mit meinem ganzen Herzen einem andern Menschen zu. Ich spreche mit meinem Herzen. Und Worte, die aus dem Herzen strömen, sind immer Worte der Liebe. Sie atmen Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis und Nähe. Und sie verbinden sich mit dem Herzen dessen, dem die Worte gelten. Sie schaffen Beziehung: Etwas fließt zwischen den Herzen hin und her.


Der Engel ist der Inbegriff von Gottes Zuwendung zum Menschen. Gott lässt den Menschen nicht allein. Er sendet ihm seinen Engel, damit er sich immer und überall von Gottes heilender und liebender Nähe umgeben weiß. Ein Kind hat mich einmal gefragt: “Glaubst du wirklich, dass der Engel mich nie verlässt, auch dann nicht, wenn ich böse bin?“ Diese Frage war sehr ernst. Offensichtlich sehnte sich dieses Kind danach, niemals allein gelassen zu werden, auch dann nicht, wenn es sich selber am liebsten verlassen wollte, weil es sich als unausstehlich erlebte. Der Engel drückt die Zuwendung einer solchen Liebe aus, die nicht bewertet, die Geduld hat. Es ist letztlich Gottes Liebe, die uns im Engel begleitet und uns das Gefühl gibt, nie fallen gelassen zu werden. Der Engel ermutigt: Gib dich nicht selbst auf. Diese Ermutigung gilt, auch und gerade, wenn wir uns selbst nicht aushalten und annehmen können.


Engel verbinden Himmel und Erde. So hat es Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter erfahren. Engel stiegen auf der Leiter auf und nieder, vom Himmel bis zur Erde und von der Erde bis zum Himmel. Diese Geschichte der Bibel zeigt: Engel öffnen den Himmel über uns. Sie berühren unser Herz.
Unser Herz ist für die frühen Mönche der Ort Gottes im Menschen. Es ist der Ort, an dem Gott selbst im Menschen wohnt. Das Herz ist der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Und zugleich ist das Herz die Tür, durch die ein anderer Mensch bei uns eintreten kann. Das Herz verbindet Menschen miteinander. Doch immer wenn zwei Herzen sich berühren, öffnet sich der Himmel über ihnen. Da steigen Engel auf der Himmelsleiter auf und nieder.


Die Engel, die ich dir, lieber Leser, liebe Leserin, in diesem Buch wünsche, kommen aus dem Herzen Gottes. Aber es sind auch meine ganz persönlichen Herzenswünsche. Engel mögen dich behüten, sie mögen dich einführen in die Kunst des gelingenden Lebens. Engel seien bei dir, wenn du dich einsam und verlassen fühlst. Ein Engel zeige dir den Weg, wenn du nicht mehr weiterweißt. Und ein Engel öffne dir die Tür zu deinem eigenen Herzen, damit du in dir selber den Ort entdeckst, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem Gott selbst in dir wohnt und dir so eine Wohnung bereitet, in der du gerne wohnst, in der du Gefallen hast an dir und deinem Leben, an Gott und an den Menschen.

(Auszug aus dem Vorwort zu: Anselm Grün, Das kleine Buch der Engel. Wünsche, die von Herzen kommen, hg. von Anton Lichtenauer)


Engel, die das Leben leichter machen


Viele Künstler haben die Engel mit Flügeln dargestellt. Die Bibel selbst sagt uns nichts von Flügeln. Doch die Künstler haben mit ihren Darstellungen etwas Wesentliches an den Engeln zum Ausdruck gebracht: Die Engel machen uns das Leben leichter. Es gibt so viele Situationen in unserem Leben, die uns im ersten Augenblick schwer vorkommen. Wir spüren einen inneren Widerstand, wir fühlen uns ausgepowert. In all diesen Situationen bräuchten wir einen Engel, der unsere Seele beflügelt, um die Situation leichter zu nehmen, sie von einer anderen Warte aus zu betrachten. In solchen Situationen ist es gut, sich nicht an den Probleme festzubeißen oder sich anzustrengen, mit aller Kraft eine Lösung anzustreben. Da sollten wir einfach auf den Engel schauen, der schon bei uns ist. Er nimmt alles leichter. Und er lädt auch uns ein, manches auf die leichte Schulter zu nehmen. Das ist hilfreicher, als uns zu viel aufzuladen und unter der Last, die auf unseren Schultern lastet, zusammenzubrechen.


Engel haben etwas Leichtes an sich. Die Weihnachtsengel, die die Künstler oft als Kinderengel dargestellt haben, wollen uns einladen, uns selber nicht so wichtig zu nehmen. Sie wollen uns die Leichtigkeit des Seins vor Augen führen und uns einladen, dieser Leichtigkeit des Seins zu trauen. Es gibt viele solche Engel, die uns dazu auffordern, das, was uns täglich widerfährt, zu verwandeln. Da ist der Engel der Einfachheit, der uns einlädt, einfach zu leben. Da ist der Engel des Genießens, der uns befreit von dem Zwang, immer nur etwas nach außen vorweisen zu müssen. Da ist der Engel der Verlangsamung, der uns herausreißt aus der Hektik des Alltags und unser Leben verlangsamt. Alle 33 Engel, die ich in diesem Buch beschrieben habe, wollen uns das Leben erleichtern. Sie geben keine Appelle an unseren Willen, sie sind vielmehr schon bei uns. Sie sind schon auf dem Grund unserer Seele bei uns. Sie bringen uns in Berührung mit den Fähigkeiten, die in unserer Seele angelegt sind, die aber von dem Leistungsdruck, unter den wir uns stellen, verschüttet sind. Der Engel der Leichtigkeit, der Engel der Einfachheit gräbt sich nicht mühsam durch den Leistungsdruck hindurch, um an die Fähigkeiten auf dem Grund unserer Seele zu gelangen. Er schaut sich einfach die Last an, die auf uns liegt, und hebt sie spielerisch, mit Leichtigkeit und Humor, empor. Er setzt seine Flügel ein und lässt das Schwere nach oben fliegen, damit es uns nicht mehr belastet.


Ich kenne so viele Menschen, die das Leben schwer nehmen. Für sie alle habe ich diese Engel ausgesucht, die Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, das Leben etwas erleichtern wollen. Sie sollten meine Gedanken über die Engel auch nicht mit all zu ernstem Gesicht lesen und nicht allzu sehr darüber nachgrübeln. Lassen Sie sich einfach anstecken von der Leichtigkeit der Engel. Trauen Sie den Engeln zu, dass sie auch Sie unter ihre Flügel nehmen und Ihre Seele beflügeln. Mit beflügelter Seele lebt es sich leichter. Sie kann immer wieder aus Situationen herausfliegen, um alles von oben anzuschauen, mit Humor und Leichtigkeit. So wünsche ich Ihnen, dass Sie mit Papst Johannes XXIII. sagen können: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“ Du hast Flügel an deiner Seele. Traue ihnen. Sie tragen dich mit Leichtigkeit durch das Leben.

(Vorwort zum Buch: Anselm Grün, Der Engel der Einfachheit, Verlag Herder)

Aktuelle Ausgabe:
August, Nr. 8 – 2017
Neu: Lebensübergänge

Die Kraft der Stille