Gottes Engel
Über das Geheimnis der Engel nachzudenken, darüber, wie die christliche Tradition die Engel gesehen hat, dazu gibt uns ein Fest besondere Gelegenheit: Am 29. September feiern die katholische und die evangelische Kirche das Fest des hl. Erzengels Michael. Seit der Liturgiereform nach dem Konzil gedenkt die katholische Kirche an diesem Tag auch der anderen Erzengel: Gabriel und Raphael.
Biblische Engelgeschichten
Das Alte Testament erzählt uns wunderbare Engelgeschichten. Gott sendet seinen Engel in jede Situation, in die wir gestellt sind. Da gibt es den Engel, der das Schreien des Kindes hört und es an den Brunnen des Lebens führt, aus dem es trinken kann. Da gibt es den Engel, der uns aufrichtet, wenn wir wie Elija enttäuscht über uns selbst am liebsten aufgeben möchten. Auch Jesu Leben ist von Engeln begleitet. Der Engel Gabriel verkündet Maria, dass sie ein Kind gebären wird, das „Sohn des Höchsten“ genannt (Lk 1,32) wird. Ein Engel verkündet den Hirten die Geburt des Messias. Und Engel singen das Loblied über das Geheimnis der Geburt. Engel stehen Jesus bei, wenn er in der Wüste versucht wird. Zu Beginn seines Wirkens begleiten Engel ihn, damit sein Wirken Segen bringt für die Menschen. Am Ende seines Lebens kommt ein Engel vom Himmel und stärkt ihn, als er am Ölberg zu seinem Vater betet. Und Engel verkünden seine Auferstehung. Und so verheißt uns Jesus: Engel werden uns im Tod in den Schoß des barmherzigen Vaters tragen.
Hilfe und Beistand
Der Hebräerbrief nennt die Engel „dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“. (Hebr 1,14) Gott selber sendet uns Engel, um uns beizustehen. Engel stehen im Dienste Gottes. Die Theologie sagt, dass Engel geschaffene Wesen sind. Gott kann uns in einem Menschen einen Engel schicken, der gerade im rechten Augenblick kommt, um uns zu helfen oder um uns aufzurichten. Gott schickt einen inneren Impuls. Im eigenen Herzen berührt uns ein Engel und fordert uns auf, aufzustehen und die Schritte zu tun, die für uns und für andere zum Heil dienen. Engel, das kann eine Lichterfahrung sein. Und Engel sprechen im Traum zu uns und sagen uns, wie es um uns steht und welche Verheißung über unserem Leben steht. Wir selber dürfen manchmal für andere zum Engel werden.
Michael – der für uns eintritt
Die Bibel nennt nur drei Engel mit Namen: Michael, Gabriel und Raphael. Michael heißt: „Wer ist wie Gott?“ Der Engel Michael ist ein mächtiger und kraftvoller Engel. Ersteht uns bei im Kampf gegen alle Anfechtungen. Und er stellt uns vor die Frage, wer für uns Gott ist. Er fordert uns auf, unsere Gottesbilder loszulassen und uns dem wahren Gott zuzuwenden. Wir brauchen Bilder von Gott. Und zugleich engen diese Bilder Gott ein. Manchmal gleichen unsere Gottesbilder auch Götzen. Da wird das Geld, der Erfolg, die Beziehung für uns zum Götzen, den wir anbeten. Michael verweist uns auf den Gott über allen Göttern. Er lässt uns nicht in Ruhe. Seine Frage „Wer ist wie Gott?“ ist wie ein Stachel, der uns nicht mehr loslässt. Nur wenn wir dem wirklichen Gott dienen, wird unser Leben heil und ganz. Viele Kirchen sind ihm geweiht. Die Menschen erwarten sich von ihm Schutzgegenüber allen Gefahren des Lebens.
Gabriel – der Verkünder
Gabriel heißt: „Kraft Gottes“ oder „Held Gottes“. Gabriel ist der Verkündigungsengel. Er verkündet uns, dass auch in uns ein göttliches Kind geboren wird, dass Gott auch in uns Neues schaffen will, dass er uns in Berührung bringen möchte mit dem unverfälschten und ursprünglichen Bild, das er sich von jedem von uns gemacht hat. Das Neue, das in uns wächst, wächst aus der Kraft Gottes und nicht aus unseren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Fruchtbar wird unser Leben erst, wenn es aus der Quelle Gottes herausströmt. Die Frage ist, ob wir der Stimme des Engel Gabriel trauen wie Maria oder aber ob wir wie Zacharias diese leise Engelsstimme mit den Argumenten unseres Verstandes zum Verstummen bringen und dadurch selbst stumm werden.
Raphael – Gott heilt
In der Erzählung über den jungen Tobias, den Raphael auf seinen Wegen begleitet, heilt der Engel die Beziehung zwischen Mann und Frau sowie zwischen Vater und Sohn. Auch heute tut uns der Engel Raphael gut. Er gibt den Eltern das Vertrauen, dass ihre Söhne und Töchter von einem Engel begleitet werden, auch wenn sie scheinbar den falschen Partner für sich ausgesucht haben oder gerade in eine Beziehungskrisegeraten sind. Raphael fordert Tobias auf, das Herz und die Leber eines Fisches zu verbrennen. Das Herz ist der Sitz der Liebe. Unsere Liebe ist oft genug vermischt mit Besitzansprüchen, mit Zweifeln und Eifersucht. Sie muss im Feuer gereinigt werden von allen Trübungen. Die Leber ist ein Bild für die Illusionen, die wir uns oft über den Partner machen. Wir stülpen ihm ein Bild über, das zu groß ist für ihn. All diese Illusionen müssen verbrannt werden, damit wir den Partner und die Partnerin realistisch sehen und ihn oder sie so lieben, wie sie wirklich sind. Raphael heilt die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Tobias soll dem Vater die Galle in die Augen schütten. Die Galle ist der Sitz der Aggressionen. Der Sohn muss sich vom Vater abgrenzen, um eine gesunde Beziehung zu ihm aufzubauen. So feiern wir am 29. September die heiligen Engel, von denen Johann Sebastian Bach in seiner Kantate zu diesem Fest singen lässt: „Gottes Engel weichen nie.“ Sie bleiben bei uns in allen Situationen des Lebens. Die Engel zeigen uns, dass Gott selbst nicht von uns weicht, sondern uns überall mit seiner heilenden und liebenden Gegenwart umhüllt.