Bewusst sitzen

Wir sitzen vor unserem Computer. Wir sitzen im Büro und erledigen die Telefonanrufe. Wir sitzen im Zug oder im Auto, beim Essen und abends vor dem Fernseher. Manche beklagen sich, dass wir vor lauter Sitzen nicht in Bewegung kommen. Doch das Sitzen hat auch etwas Positives, wenn wir es bewusster vollziehen.


Geborgenheit und Schutz


Beim Propheten Micha lesen wir: „Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf.“ (Mi 4,4). Hier ist das Sitzen ein Bild des Friedens: Wir sitzen ruhig da und genießen die Ruhe. Sie können das im Urlaubsmonat August selber ausprobieren, indem Sie sich auf eine Bank setzen und den Frieden um sich herum genießen. Wenn Sie auf das Zwitschern der Vögel, auf das Rauschen des Windes hören und einfach in die Landschaft hineinschauen, dann können Sie einen Eindruck gewinnen von dem, was Sitzen ursprünglich bedeutet: ein friedliches Ausruhen. In solchem Sitzen sind Sie ganz bei sich selbst. Zum deutschen Wort „sitzen“ gehört auch das Wort „Nest“. Nest heißt ursprünglich: Niedersetzung. Wenn Sie bequem sitzen, können Sie sich fühlen wie ein Vogel im Nest. Sie spüren Geborgenheit und Schutz.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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In der Stille


Zu dieser Bedeutung gehört das Sitzen in der Stille, bei der Meditation. Ich schweige und komme in Berührung mit dem inneren Raum der Stille. In der Zen-Meditation gibt es genaue Anweisungen, wie wir sitzen sollen: aufrecht und so, dass die Knie unterhalb des Beckens sind. Meistens sitzt man auf einem Kissen oder einem niederen Schemel. In der christlichen Tradition gibt es keine genauen Anweisungen, wie wir sitzen sollen. Aber es gibt zwei schöne Bilder dafür. Der Mönch soll sitzen wie ein Steuermann auf einem Schiff. Das Schiff, das von den Wellen und Wogen hin und her geworfen wird, ist ein Bild für die Unruhe des Mönchs. Er sitzt mitten in der Bedrohung durch die Tiefen des Unbewussten, mitten in den Turbulenzen seines Alltags. Aber er lässt sich im Sitzen nicht aus der Fassung bringen. Er stellt sich der Unruhe. Das andere Bild: Er soll sitzen wie auf einem Tiger – ein Bild für die Leidenschaften, die den Mönch überfallen können wie ein wildes Tier. Der Mönch sitzt nicht entrückt über allen Problemen, sondern auf dem Tiger, auf den Leidenschaften. Er setzt sich darauf, um sie für sich zu nutzen.


Spürbare Haltungen


In der Bibel gibt es auch andere Bedeutungen des Sitzens: Es kann eine Gebärde der Trauer sein. Hiob setzt sich in die Asche und betrauert sein Schicksal. Im Psalm 137,1 heißt es: „An den Strömen Babels saßen wir und weinten.“ Und in den Klageliedern heißt es: „Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auferlegt.“ (Klgl 3,28) Aber es gibt auch eine sehr hoffnungsvolle Bedeutung: Sitzen bedeutet auch Thronen. Jesus hat seinen Jüngern verheißen: „Ihr werdet auf 12 Thronen sitzen und die 12 Stämme Israels richten.“ (Mt 19,28) Wir können dieses Sitzen in der Kirche auch während des Gottesdienstes üben. Wenn wir den Lesungen sitzen, dann können wir uns vorstellen: Ich sitze auf einem Thron. Ich werde nicht von meinen Bedürfnissen und Leidenschaften beherrscht, sondern ich herrsche über mich. Ich habe in meinem Thronen teil an Jesus Christus, von dem es auch heißt, dass er auf dem Thron sitzt: „Ihm, der auf dem Throne sitzt, gebühren Lob und Ehre, Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit.“ (Offb 5,13) Zugleich ist diese Form des Sitzens auch eine Haltung des Nachdenkens und des Lauschens. „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.“ (Lk 10,39) Im Sitzen bin ich ganz im Hören. Und indem ich auf die Worte Gottes höre, spüre ich meine königliche Würde. Ich möchte Sie einladen, beim Sitzen bewusste Haltungen des Hörens, des inneren Friedens, des Genießens, aber auch des Thronens einzunehmen. Richten Sie sich manchmal bewusst auf, um Ihre Würde zu spüren. Sie werden nicht von anderen Mächten besetzt. Sie besitzen selbst die Macht über sich.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 8 – 2016:
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