Stehen als Haltung

Wir stehen tagsüber immer wieder. Etwa an einer Haltestelle, im Bus oder im Gottesdienst beim Evangelium. Oft denken wir darüber nicht nach. Dabei kann uns das bewusste Stehen zu uns selbst und zum festen Glauben führen.


Ein fester Stand


In der Bibel ist die Rede davon, dass wir vor dem Herrn stehen. (Dt 18,7). Der Prophet Jesaja versteht Stehen als Glauben: Wer glaubt, der hat einen neuen Stand. So heißt es in Jes 7,9: „Glaubt ihr nicht, so könnt ihr nicht feststehen, so habt ihr keinen Stand.“ Paulus ermahnt die Christen: „Steht fest im Glauben!“ (1 Kor 16,13) Oder: „Steh fest im Herrn!“ (Phil 4,1) Wer aufrecht dasteht, der stellt sich: den Menschen, den Konflikten, dem Leben. Zu dem Mann mit der verdorrten Hand, der sich anpasst und in seiner Zuschauerrolle bleibt, um sich die Finger nicht zu verbrennen, sagt Jesus: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ (Lk 6,8) Er muss sich dem Leben stellen. Paulus arbeitet auch mit dem Gegensatz von Stehen und Fallen. So mahnt er die Christen in 1 Kor 10,12: „Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“ Und den Christen, die über einen anderen richten, ruft Paulus zu: „Sein Herr entscheidet, ob er steht oder fällt. Er wird aber stehen; denn der Herr bewirkt, dass er steht.“ (Röm 14,4) Christus selbst stärkt uns, dass wir stehen und nicht fallen.

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Verwurzelt sein – sich öffnen


Im Deutschen gebrauchen wir „Stehen“ oft auch für einen Menschen, der Selbstvertrauen hat. Wir sagen: Ich stehe zu mir. Ich habe Stehvermögen. Ich habe einen Standpunkt. Und wie wir stehen, das sagt etwas über uns aus. Wer ganz eng steht, der drückt aus, dass er Probleme hat, zu sich zu stehen. Wer zu breitbeinig dasteht, der will mit seinem Stehen imponieren. Aber er kann in dieser Haltung leicht umfallen. Das richtige Stehen entspricht dem Stehen eines Baumes. Der Baum ist tief verwurzelt. Er ruht in sich. Aber steht nicht wie ein Betonpfeiler. Er kann sich im Wind leicht bewegen, ohne dass er umfällt. Und der Baum steht aufrecht. Er entfaltet seine Krone zum Himmel hin. Auch das ist ein schönes Bild für den Menschen. Wir sind fest verwurzelt in der Erde. Aber in unserem Stehen öffnen wir uns auch dem Himmel.


Festigkeit einüben


Sie können das Stehen bewusst üben: Stellen Sie sich aufrecht hin und wurzeln Sie sich gut ein. Dann können Sie sich den Psalmvers vorsagen: „Wirf deine Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht!“ (Ps 55,23) Sie werden spüren, dass Sie besser stehen, wenn Sie alle Ihre Sorgen auf Gott werfen. Oder sagen Sie sich einen anderen Psalmvers vor: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.“ (Ps 16,8) Solches bewusste Stehen lässt Sie erahnen, was Glauben heißt: einen guten Grund haben, auf dem ich fest stehe. Gott wird in den Psalmen immer wieder als der Fels bezeichnet, auf dem ich stehen kann. So wünsche ich Ihnen, dass Sie im Stehen immer mehr zu sich selbst stehen, für sich einstehen und im Glauben feststehen.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 10 – 2016:
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