Der Ruf des Weckers – eine Verheißung

Für viele ist es eine Schrecksekunde, wenn sie der Wecker morgens aus dem Schlaf reißt. Sie denken: Ich bin noch so müde. Ich möchte noch weiterschlafen. Sie sehen den Wecker als Störenfried und sogar als Feind.


Aufwachen als Einladung

Ich tue mir selbst keinen Gefallen, wenn ich den Wecker als Feind ansehe. Ich werde den ersten Augenblick des Tages angenehmer erleben, wenn ich mir den Wecker zum Freund mache. Und wenn ich den Ruf des Weckers als Verheißung annehme. Die deutsche Sprache verbindet „wecken“ mit dem germanischen Wort „wekan = munter und frisch sein“. Der Wecker will mich also erfrischen und munter machen. Die griechischen Philosophen sehen den Zustand des Menschen als Schlafzustand. Der Mensch hat sich eingelullt in irgendwelche Illusionen vom Leben. Zum bewussten Leben gehört es, dass wir aufwachen aus diesem Schlafzustand, dass wir die Wirklichkeit so sehen, wie sie ist. Und das Aufwecken hat noch eine andere Dimension: Die griechischen Kirchenväter haben das Geheimnis der Auferstehung Jesu als „Auferweckung“ verstanden. Gott hat seinen Sohn vom Tode zum Leben erweckt. Das Aufwachen durch den Wecker kann also auch eine Einladung werden, dem Geheimnis der Auferweckung Jesu nachzuspüren. Wir sollen vom Tod zum Leben aufwachen und mit wachen Augen auf den neuen Tag schauen.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Die Hoffnung erwacht

Die frühe Kirche kannte natürlich noch keine Weckuhr. Der Hahnenschrei war der Wecker. Der lateinische Kirchenvater Ambrosius (333-397) hat das in einem Morgenhymnus schön beschrieben: „Der Hahn, des Tages Herold ruft, / der Wächter in der Finsternis. / Sein Schrei trennt von der Nacht die Nacht, / dem Wanderer zur Nacht ein Licht.“ Der Hahn hat für uns in der Nacht gewacht, um uns am Morgen aufzuwecken. Sein Weckruf ist für Ambrosius nicht störend, sondern Verheißung, dass jetzt das Licht die Dunkelheit besiegt und wir neue Kraft in uns spüren. So heißt es einige Strophen weiter: „Hoffnung erwacht beim Hahnenschrei, / und Lindrung strömt den Kranken zu./ Der Räuber lässt von seinem Tun, / Gefallene vertrauen neu.“


Neues Leben spüren

In diesem Hymnus wird der Hahn zum Bild für Christus, der für uns in der Nacht wacht, um uns aufzuwecken zu neuem Leben. Wenn ich den morgendlichen Wecker mit ähnlichen spirituellen Bildern verbinde, wie es Ambrosius in seinem Hymnus getan hat, dann werde ich leichten Herzens aufstehen. Es wird dann kein Kampf gegen die Müdigkeit sein. Indem ich mich gerne aufwecken lasse, werde ich neues Leben, Frische und Munterkeit in mir spüren – und eine Weite, die im hoffnungsvollen Vertrauen begründet liegt. Wenn ich so aufwache, beginnt der Tag auf gute Weise – verheißungsvoll.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 1 – 2018:
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