Ein Weg in die Herrlichkeit
Am Palmsonntag feiern wir den triumphalen Einzug Jesu in die heilige Stadt. Die Schilderung dieses Ereignisses durch die vier Evangelisten ist wie ein Kontrast zu dem, was dann in den nächsten Tagen geschehen wird: Verrat, Verurteilung und Kreuzigung. Liturgie deutet unser Leben. Was heißt es also für uns, wenn sich am Palmsonntag zeigt, wer da in Jerusalem auf einem jungen Esel einzieht: Christus, der wahre König dieser Welt?
Einzug in den Himmel
Für Lukas, dessen Evangelium wir in diesem Jahr lesen, ist Jerusalem die Stadt, in die Jesus einzieht, um dort in den Himmel aufgenommen zu werden. Da loben die Jünger voller Freude und mit lauter Stimme Gott, „wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie rufen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“ (Lk 19,37f) Lukas bezieht sich bei seiner Schilderung auf die Erzählung von der Geburt Jesu in Bethlehem. Dort hatten die Engel Gott gelobt und gesungen: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,14) Wenn Lukas den Einzug Jesu in Jerusalem also mit seinem Einzug in den Himmel verbindet, bedeutet das: Mit ihm zieht der Friede Gottes in den Himmel ein. Und die Menschen, die in Jesus den König sehen, der im Namen Gottes kommt, haben teil an diesem himmlischen Frieden. Sie bringen durch ihren Glauben den Himmel auf die Erde. Die ganze Welt bezeugt Jesus als den wahren König, der einzieht in seine Stadt, das heißt letztlich: in den Himmel. Er nimmt unsere Welt mit in den Himmel.
Bekenntnis zum Frieden
Die Liturgie des Palmsonntags beginnt mit der feierlichen Prozession. Die Gemeinde versammelt sich außerhalb der Kirche. Der Diakon liest das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem. Die Menschen bringen Palmzweige oder Palmbüschel mit. Diese werden dann vom Priester gesegnet. Daraufhin zieht die Gemeinde mit Liedern in die Kirche ein: Symbol für die heilige Stadt Jerusalem. Damit drückt sich die Sehnsucht nach Frieden aus. Der Friede, der mit Jesus in den Himmel einzieht, möge in der Liturgie auch uns auf Erden erfüllen. Die Prozession führt uns vor Augen, wer der ist, von dem wir in der Passionsgeschichte hören werden, dass er ans Kreuz geschlagen wird. Der Friede des Himmels wird gekreuzigt. Doch nach seiner Auferstehung wird Jesus in die Mitte seiner Jünger treten und ihnen sagen: „Der Friede sei mit euch!“ Dort, wo wir dem Auferstandenen begegnen, wird der Friede des Himmels unser Friede werden. Die Teilnehmer an der Liturgie nehmen dann die gesegneten Palmbüschel mit nach Hause, schmücken damit ihre Häuser und bringen gleichsam den Frieden Jesu in ihr Haus. Sie bekennen damit, dass Christus ihr wahrer König ist, der auch in ihrem Haus und in ihrem Herzen herrschen möge.
Beten ist Loslassen
In der Passionserzählung antwortet Lukas auf die Sehnsucht der Griechen nach dem wahrhaft gerechten Menschen. Platon hatte 400 Jahre vor Christus gefragt: Was wird denn mit einem wahrhaft gerechten Menschen in dieser Welt geschehen? Seine Antwort: Man wird ihn aus der Stadt treiben, ihn blenden und ans Kreuz hängen. Jesus, der wahrhaft gerechte Mensch, lässt sich auch von seinen Mördern nicht vom richtigen Weg abhalten. Er stirbt als der betende Mensch. Sein erstes Wort am Kreuz ist ein Gebetswort: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34) Das zweite Wort ist eine Zusage an den Schächer zu seiner Rechten: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43) Und das Wort, mit dem Jesus stirbt, ist wieder ein Gebet: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46) Jesus zeigt uns in seinen Worten am Kreuz einen Weg, die Bedrängnisse unseres Lebens zu bestehen: Wir können wie er voller Vertrauen zu Gott als unserem Vater beten. Im Gebet werden wir fähig, Menschen, die uns verletzt haben, zu vergeben und uns so von der negativen Energie zu befreien, die durch die Verletzung noch in uns ist. Im Gebet erfahren wir die Zusage: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Immer wenn wir beten, erfahren wir in uns den Ort, an dem Christus in uns ist und uns aller Not entreißt. Das Gebet verwandelt unser Sterben in das vertrauensvolle Loslassen in Gottes liebende Arme hinein.
Stärker als der Tod
Der Weg in die Herrlichkeit des Vaters geht – sowohl für Jesus als auch für uns – durch mancherlei Bedrängnisse und letztlich durch das Kreuz. Auch auf unserem Weg wird uns manches widerfahren, das wir uns so nicht gewählt hätten. Aber all das, was uns durchkreuzt, will uns letztlich aufbrechen für das Geheimnis der göttlichen Liebe, die stärker ist als der Tod. Lukas zeigt uns Jesus als Vorbild: als gerechten Menschen, der durch alle Ungerechtigkeit hindurch geht. Und als das Bild einer Liebe, die uns durch die Betrachtung der Passion immer tiefer durchdringen und verwandeln möchte. Wenn wir die Passion so sehen, dann wird uns das Leiden Jesu nicht niederdrücken, sondern aufrichten. Wir erkennen dann: Jesus ist der, der alle Not wendet und alle Leiden durchsteht. Als Sieger über den Tod verheißt er: Wir werden die Bedrängnisse unseres Lebens bestehen.