Die Bügel-Meditation

Für viele gehören Alltagsbeschäftigungen wie Bügeln zu den ungeliebten Tätigkeiten. Sie verbinden damit Stress und Langeweile, werden ungeduldig und genervt, wenn sie daran nur denken. Aber man kann auch eine ganz andere Erfahrung machen und sogar einen „Flow“ erleben. Was macht den Unterschied?


Es liegt an mir

Eine Frau erzählte mir, sie setze sich beim Bügeln ständig unter Leistungsdruck. Sie legt eine Zeit fest, in der sie den Berg an Wäsche weggearbeitet haben muss. Und jedes Mal will sie weniger Zeit dafür brauchen. Auf diese Weise wird das Bügeln allerdings eine Belastung für sie. Sie steht unter dem Druck, möglichst schnell fertig zu werden. Eine andere Frau nützt das Bügeln als die Zeit, in der sie CDs hören kann, entweder mit Vorträgen oder mit schöner Musik. Sie freut sich auf diese Arbeit, weil sie dann neue Gedanken in sich aufnehmen kann. Und eine andere Frau nimmt das Bügeln als meditative Tätigkeit. Sie geht ganz darin auf, sie spürt sich selbst und kann abschalten von den täglichen Sorgen und Problemen. Es ist dann eine heilige Zeit für sie.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Berührung mit mir selbst

Karlfried Graf Dürckheim, bei dem ich in den 1970er-Jahren öfter war, um die Verbindung von Meditation und Jungscher Psychologie kennenzulernen, sagte immer: Alles, was einfach ist und was wiederholt werden kann, kann zur Meditation werden. In seinem Buch „Alltag als Übung“ schreibt er: „Es bedarf nur der Einsicht, dass jede Haltung und gerade die sich immer wiederholende, gekonnte, neben ihrem äußeren Sinn auch einen inneren Sinn birgt.“ Es ist eine aktive Meditation, eine Meditation im Tun. Das einfache Tun bringt mich innerlich zur Ruhe. Ich bin ganz bei mir. Der vietnamesische Zenmeister Thich Nhat Hanh hat das einmal so gesagt: „Es gibt zwei Arten, Geschirr zu spülen. Einmal, damit man hinterher sauberes Geschirr hat, und die zweite Art besteht darin, abzuwaschen, um abzuwaschen.“ Auch das Bügeln ist eine solche Tätigkeit. Sie verlangt durchaus Können, Konzentration und Achtsamkeit. Wenn ich mich der einfachen Bewegung des Bügelns überlasse, kann das zur Meditation werden. Die Wäsche muss richtig gefaltet werden. Ich muss auf die Hitze des Bügeleisens achten. Wenn ich mich ganz an diese Tätigkeit hingeben kann, weil sie aufgrund meiner Erfahrung quasi routiniert abläuft, kann ich alles um mich herum vergessen, und dann kann es vorkommen, dass das Gefühl für Raum und Zeit aufgehoben wird, Sorgen und Ungeduld verschwinden. Das hat eine spirituelle Qualität: Alles, was ich achtsam und konzentriert tue, kann zu einem Symbol für etwas Tieferes werden. Wenn ich mich ganz dem Bügeln überlasse, so kann eben auch das Glätten der Wäsche zum Symbol werden: dafür, dass das, was in mir krumm ist, glatt wird, dass das Ungeordnete in Ordnung kommt. Ich kann beim Bügeln die Worte des Propheten Jesaja meditieren: „Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. “ (Jes 40,4) Diese Worte zitiert der Evangelist Lukas, wenn er Johannes den Täufer die Umkehr predigen lässt. Lukas fügt noch einen anderen Vers aus Jesaja hinzu: „Und alles Fleisch wird das Heil Gottes schauen.“ (Lk 3,6) Im Bügeln kann ich so erahnen, dass in mir etwas heil wird und ganz. Auch in mir glättet sich etwas. Das griechische Wort „soteria“ meint: Ich werde so, wie ich eigentlich gedacht bin. Im Bügeln wird das Hemd, das Stück Wäsche oder das Tischtuch so, wie es sein soll, wie es seinem Wesen entspricht. So kann das Bügeln zur Meditation werden, in der ich in Berührung komme mit meinem wahren Selbst, ja ich kann darin auch in Kontakt sein mit dem Heil, von dem die Bibel sagt, dass es mir von Jesus her zukommt.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 10 – 2017:
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Die Kraft der Stille