Gehen

Wir gehen täglich – viele Schritte: Wir gehen spazieren, in die Arbeit oder von einem Raum zum anderen. Im Urlaub wagen wir größere Wege. Wir wandern durch schöne Landschaften, genießen die Aussicht, lassen die Blicke in die Weite schweifen. Wir können die Wege unbewusst, mehr oder weniger achtlos gehen. Oder wir können unser Gehen einmal bewusst bedenken.


Sich frei gehen


Wenn ich ganz im Gehen bin, dann erkenne ich Wesentliches über mein Menschsein: Im Gehen ziehe ich aus Vergangenem aus, aus dem, was mich festhalten möchte. Ich gehe mich frei von Fesseln. Ich gehe immer mehr hinein in meine eigene Gestalt. Im Gehen bleibe ich nicht stehen. Da bin ich bereit, immer weiterzugehen, mich im Gehen zu wandeln. Und ich gehe immer auf ein Ziel zu. Novalis drückt das so schön aus in dem Satz: „Wohin denn gehen wir? – Immer nach Hause!“ Ich kann im Gehen diese drei Aspekte bedenken: Ich gehe mich frei, ich verwandle mich im Gehen und ich gehe auf ein Ziel zu. Wenn ich das tue, dann wird mein Gehen zu einer spirituellen Erfahrung.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Miteinander gehen


In der Bibel, die ihre Weisheiten oft aus dem alltäglichen Leben nimmt, gibt es viele Worte im Zusammenhang mit dem Gehen. Ich möchte nur einige anführen. Wenn wir sie gehend bedenken, wird unser Gehen intensiver: Wir sollen „auf den Wegen des Herrn gehen“ (Dtn 8,6) und „im Lichte wandeln“ (Jes 1,5). Wir gehen mit und vor Gott unsere Wege. Und Gott geht mit uns unsere Wege. Er verheißt dem, dessen Weg durch schwierige Strecken geht: „Schreitest du auch durch Wasser, ich bin bei dir, durch Ströme, sie schwemmen dich nicht fort. Gehst du durchs Feuer, du wirst nicht versengt, und die Flamme verbrennt dich nicht!“ (Jes 43,2) Und wir gehen mit anderen Menschen. Beim Propheten Amos heißt es: „Können denn zwei miteinander wandern, es sei denn, sie werden einig unterwegs?“ (Am 3,3) Miteinander gehen kann also ein guter Weg sein, sich zu verständigen, unterwegs einig zu werden, sich in der Auffassung der Welt näher zu kommen. Konflikte können sich lösen, wenn wir uns gemeinsam auf den Weg machen.


Mein Weg führt zum Leben


Manchmal nehme ich mir ein Wegwort aus der Bibel, wenn ich bewusst langsam einen Weg gehe. Ich erlebe mein Gehen auf neue Weise, wenn ich mir sage: „Du schaffst meinen Schritten weiten Raum, meine Knöchel wanken nicht.“ (Ps 18,37) Dann erlebe ich mein Gehen auf neue Weise. Ich spüre dabei etwas von der Weite und Freiheit, in die ich hinein gehe. Oder ich meditiere beim Gehen den wunderbaren Vers: „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Ps 91,11f) Oder ich sage mir vor: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, du bist ja bei mir.“ (Ps 23,4) Wenn ich diese alten Worte verinnerliche, fühle ich mich auf meinen Wegen behütet und beschützt. Und es bestärkt in mir das Vertrauen, dass mich mein Weg zum Leben führt. Eine Anregung: Gehen Sie im Urlaub einmal eine Zeit lang ganz bewusst mit einem solchen Bibelwort. Wenn Sie es meditieren wird Ihnen aufgehen, was Gehen bedeuten kann: Dass Sie auch in einer so alltäglichen und schlichten Handlung eine tiefe Glaubenserfahrung machen dürfen – die Erfahrung, dass all Ihre Wege von Gott behütet sind, dass Gott mit Ihnen geht und Sie einen Weg führt, der in immer größere Lebendigkeit, Freiheit, Liebe und Frieden mündet.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 7 – 2016:
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Aktuelle Ausgabe:
Juli, Nr. 7 – 2016
Neu: Wie einfach ist das Leben

Rudolf Walter (Hrsg.):
Von Achtsamkeit
bis Zuversicht