Lesen – Worte können nähren

Wer liest, will möglicherweise ganz Unterschiedliches: Einfach nur Unterhaltung. Oder Wissen und Information. Oder aber Inspiration und geistige Begegnung. Viele räumen dem Lesen einen festen Platz in ihrem Alltag ein.


Eintauchen

Manche Menschen erzählen mir, dass das Lesen am Morgen ein festes Ritual für sie ist. Sie lesen ein paar Seiten in einem Buch. Das ist geistige Nahrung für sie. Sie gehen mit den Gedanken, die sie gelesen haben, anders in den Tag. Das Lesen hat sie in Berührung gebracht mit dem Vertrauen, das in ihrer Seele bereitliegt, von dem sie sich aber manchmal abgeschnitten fühlen. Andere beklagen sich und meinen: „Ja, ich lese viel. Aber mein Leben ändert sich nicht. Ich kann gar nicht alles erfüllen oder umsetzen, was ich lese.“ Beim Lesen geht es jedoch nicht darum, dass wir neue Ratschläge bekommen, wie wir unser Leben ändern sollen. Für mich ist Lesen vielmehr ein Eintauchen in eine andere Welt.

Möglichkeiten entdecken

Wenn ich ein Buch lese, setze ich mich immer bequem auf einen Sessel. Ein Buch zu lesen, ist für mich kein Studium, das ich am Schreibtisch vollziehe. Vielmehr gönne ich mir eine bequeme Haltung, in der ich das Lesen genießen kann. Dann lese ich, nicht um neue Informationen zu bekommen, nicht um mein Wissen zu vermehren. Ich lese manchmal alte Texte, etwa die Schriften von Kirchenvätern, die in einer ganz anderen Welt, einer ganz anderen Zeit gelebt haben. Ich tauche dann in ihre Welt, ihre Sicht der Wirklichkeit ein. Aber dadurch komme ich auch mit neuen Bereichen in meiner eigenen Seele in Berührung. Ich spüre, welche Möglichkeiten in meiner Seele bereitliegen. Mit diesem inneren Reichtum komme ich in Berührung. Und dabei bekomme ich eine neue Sicht auf mein Leben. Solches Lesen selbst verwandelt schon.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Das Herz neu spüren

Diese Art des Lesens hat eine lange Tradition. Das haben etwa die Mönche geübt, wenn sie von der „lectio divina“ sprechen. Damit meinen sie das Lesen der Bibel. Sie lesen die Bibel nicht, um ihr theologisches Wissen zu vermehren, auch nicht, um ihre Neugier zu befrieden. Sie wollen vielmehr im Lesen der Bibel erkennen, wer sie selbst sind. Und sie wollen im Lesen Gottes Herz in Gottes Wort entdecken. Das gilt natürlich nicht nur für das Lesen der Bibel. Wir wollen ja letztlich immer mit dem Herzen des Autors in Berührung kommen, um so das eigene Herz auf neue Weise spüren zu können. Und in allen Worten, die wir lesen, klingt letztlich das Geheimnis des Menschen auf, das diese Welt übersteigt, das offen ist für die Transzendenz. Daher geht es beim Lesen letztlich auch um das Geheimnis Gottes und das Geheimnis des Menschen.


Einfach sein

Worte können mich nähren. Das spüre ich gerade, wenn ich spirituelle Texte lese, von Mystikern, von Kirchenvätern. Ich fühle mich gestärkt, befreit vom Druck, imponieren zu müssen, immer etwas leisten zu müssen. Ich sehe von mir ab. Ich vertraue mich lesend den Erfahrungen und Einsichten anderer an. Ich gönne mir beim Lesen, einfach zu sein und das Geheimnis des reinen Seins zu erahnen. Solches Lesen ist ein spirituelles Tun, unabhängig davon, wie ich nach dem Lesen meinen Alltag lebe. Es ist zweckfrei und absichtslos. Ich tue es nicht mit der Absicht, mein Leben zu verändern. Aber ich darf hoffen, dass es meinen Alltag verwandelt.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 11 – 2017:
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Die Kraft der Stille