Eine Kerze anzünden

Der Mesner der Autobahnkirche in der Nähe von Baden-Baden erzählte mir, dass täglich unzählige Menschen hier ihre Fahrt kurz unterbrechen und sich für einige Minuten in die Kirche setzen. Oft haben sie dabei auch das Bedürfnis, eine Kerze anzuzünden. Das ist ihre Weise, für einen anderen Menschen zu beten.


Heller und wärmer


Viele Menschen wissen nicht mehr, was oder wie sie für einen anderen beten sollen. Aber oft zünden sie trotzdem eine Kerze an. Was diese häufig gerne kirchenfernen Menschen instinktiv tun, entspricht der christlichen Tradition. Für einen anderen eine Kerze anzuzünden, das ist eine Weise, für ihn zu beten. Und die fromme Tradition sagt noch etwas anderes: Solange die Kerze brennt, geht mein Gebet zum Himmel. Und solange die Kerze brennt, bringt mein Gebet Licht in das Leben dieses Menschen. Das ist schließlich die tiefste Sehnsucht, wenn wir eine Kerze für einen anderen entzünden: Wir wünschen ihm, dass sein Leben durch Gottes Liebe heller und wärmer werde, dass die Liebe die Kälte in ihm überwinde, und das Licht alles Dunkle vertreibe

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Schwächer und stärker


In der Adventszeit zünden wir nicht nur für andere eine Kerze an. Wir zünden sie auch für uns an und wir setzen uns vor die brennende Kerze. Das Licht der Kerze wird zum Symbol für uns selbst. Es ist eine Ursehnsucht, dass Licht unsere Dunkelheiten erleuchtet. Christus selbst nennt sich das wahre Licht. Er bringt uns die Erhellung unseres Daseins, das wir oft als sinnlos erfahren. Die Kerze, die aus Wachs gebildet ist, das durch die Flamme langsam verzehrt wird, ist ein Symbol für die Beziehung von Geist und Materie, von Geist und Leib. Das Licht verzehrt das Wachs. Und so zehrt das Leben unseren Leib auf. Aber das ist, im einen wie im anderen Fall, nicht einfach Verlust: Indem wir durch unser Leben das Licht Christi leuchten lassen, werden wir selbst zum Licht für andere. Unser Leib wird zwar immer schwä- cher, aber das Licht wird immer stärker.


Als Ritual einüben


Auch wenn wir ein feierliches Mahl halten, zünden wir eine Kerze an. Kellner in vornehmen Restaurants zünden die Kerze an, sobald sich Gäste an den Tisch setzen. Wir zünden Kerzen an am Geburtstag eines Kindes. Auch wenn der Sohn oder die Tochter schon erwachsen sind und weit weg wohnen, zünden wir an ihrem Bild eine Kerze an, um an sie zu denken. Es gibt viele solcher Gelegenheiten. Es wäre gut, wenn wir dann das Anzünden selbst ganz bewusst zu einem Ritual machen würden: Ich zünde diese Kerze an, damit es heller und wärmer wird in mir, in dem Menschen, für die ich die Kerze anzünde, und für die Menschen, die sich um diese Kerze versammeln.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 12 – 2016:
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Anselm Grün / Rudolf Walter:
Einfach leben - Der Adventsbegleiter