Einen Raum betreten

Wenn ich zu Vorträgen eingeladen bin, spreche ich meist in Kirchen, Hallen oder Sälen, die ich vorher noch nicht kenne. Ich betrete etwa eine Kirche ganz bewusst und lasse sie auf mich wirken. Ich frage mich, welche Erfahrungen die Menschen in diesem Raum gemacht haben. Und auch wenn ich einen Saal komme, versuche ich die Atmosphäre zu erspüren. Dann kann ich mich auch auf alles, was hier an Begegnung geschehen wird, einstellen.


Sensibler werden


Als Cellerar habe ich oft erlebt, wie unterschiedlich Mitarbeiter oder Mitbrüder in mein Büro eintreten. Da hat einer so laut angeklopft, dass ich zusammengezuckt bin und schon ahnte, dass er sich über etwas aufregt und darüber schimpfen wird. Andere kamen eher vorsichtig herein und fragten, ob sie stören dürften. Manche dagegen machten sich breit, als ob es ihr Raum wäre. Wieder andere lie- ßen sich gerne einladen, sich an den runden Tisch zu sitzen. Sie fühlten sich als Gast auf- und angenommen. Das alles hat mich sensibel dafür gemacht, wie ich selber einen Raum betrete.

einfach leben – Ein Brief von Anselm Grün

Lassen Sie sich von Anselm Grün in Ihrem Alltag begleiten. Gönnen Sie sich regelmäßig diese ganz persönliche „Auszeit“: um Abstand zu gewinnen, um Inspiration zu erfahren, um Lebensthemen auf der Spur zu bleiben, die Ihnen persönlich wichtig sind.


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Bei mir bleiben, beim anderen sein


Wenn wir ein fremdes Zimmer betreten, klopfen wir vorher an. Wir melden uns an, damit der andere sich auf uns vorbereiten kann. Dann öffnen wir behutsam die Tür und bitten, dass wir eintreten können. Wir nehmen dann den Raum wahr, spüren instinktiv, ob wir uns darin wohlfühlen können. Und wir nehmen natürlich die Person wahr, die uns empfängt. Ich versuche, ganz bei mir zu sein, damit ich mich nicht von der Atmosphäre des fremden Raumes oder von der Stimmung der anderen Person bestimmen lasse. Und dann versuche ich, mich auf die Person einzustellen. Ich grüße sie freundlich. Ich traue ihr zu, dass sie auch freundlich ist. Ich glaube an den guten Kern in ihr, auch wenn er im ersten Augenblick vielleicht noch nicht sichtbar wird.


Über die Schwelle


Dieses Verhalten ist tief in uns verwurzelt. Früher war das Betreten eines Raumes oft mit einem Schwellenritual verbunden. So war in katholischen Haushalten häufig innen an der Haustür ein Weihwassergefäß angebracht. Man nahm Weihwasser, wenn man hinausging und schützte sich so gegenüber möglichen Verletzungen oder Belästigungen. Wenn man nach Hause kam, benetzte man sich wieder mit Weihwasser, um den Staub von außen, die Verschmutzungen durch den Lärm der Welt abzuschütteln.

Etwas Besonderes ist es, einen Kirchenraum zu betreten. Da gibt es immer noch das Weihwasser. Man nimmt es und bereitet sich so vor. Man wird still. Früher war beim Eingang einer Kirche oft überlebensgroß die Gestalt des Christophorus dargestellt: der Schwellenheilige, der uns von einem Ufer an das andere tragen soll, vom Ufer der Welt zum Ufer des Heiligen. Man erwartete sich von einem Blick auf seine Gestalt, dass die innere Lebenskraft den äußeren Einflüssen trotzt und auf dem Weg in die Welt nicht verlorengeht.

In diesem Sinn möchte ich Sie einladen, in diesem Monat Räume bewusst zu betreten: die Räume eines fremden Hauses, die Räume Ihrer eigenen Wohnung, und die geschäftlichen Räume, in die Sie gerufen werden oder in denen Sie arbeiten.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 1 – 2017:
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Aktuelle Ausgabe:
Januar, Nr. 1 – 2017
Neu: Faszination Klöster

Eugen Drewermann (Autor)