Leben ist anders

Sie war sicher eine der ungewöhnlichsten Frauen unserer Zeit: Ruth Pfau - Ärztin, Nonne, Powerfrau. Seit 1956, über sechs Jahrzehnte lebte sie unter Muslimen in Pakistan, einer der gefährlichsten Gegenden der Welt – ein Leben für die Ärmsten der Armen. Ihr letztes Buch „Leben ist anders. Lohnt es sich? Und wofür?“ bewegte zahlreiche Leserinnen und Leser. Sie ist jetzt am 10. 8. In Karachi im Alter von 87 Jahren gestorben. Für „einfach leben“ hat sie noch vor einigen Wochen einen Text geschickt, der im nächsten Jahr erscheinen wird. In einem Interview antwortete sie zudem auf unsere Fragen.


einfach leben: Alle Wege führen nach Rom?

Ruth Pfau: Hier sagt man: „Von Karachi nach Rom ist es weit.“ Man geht in Karachi nicht davon aus, dass es eine zentralistisch geleitete Weisheit gibt. Und keiner erwartet, dass in Rom etwas entschieden wird, was für unsere Lebensverhältnisse hier hilfreich oder wegweisend ist. Ich weiß, mit Verlaub, sicher mehr über die Notwendigkeit von Schwangerschaftsverhütung als der Papst das wissen kann. Ich kannte sehr traditionelle goanesische Katholiken, die überzeugt waren, dass es eine Sünde sei, wenn man als verheirateter Katholik den Geschlechtsverkehr um der Freude willen sucht und nicht, um sich fortzupfl anzen. Sollte das je offi zielle „römische Auffassung“ gewesen sein oder sollten katholische Theologen das je gesagt haben, dann haben die vermutlich nie die Freude der Sexualität erfahren.

Was sind Gottesaugenblicke in ihrem Leben?

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, darüber zu sprechen. Für mich ist „Tabu“ durchaus eine Haltung, die der Wirklichkeit Gottes angemessen ist. Grundsätzlich: Entweder das Leben als solches qualifi ziert sich durch diese Augenblicke, oder der Einsatz lohnt sich nicht. Dass es in unserer Gesellschaft keine Tabus mehr gibt, dem entspricht durchaus auch die Feststellung vom Verdunsten religiöser Erfahrung. Dass es heute keine Sprache mehr gibt, um über religiöse Erfahrungen zu sprechen, hindert uns vielleicht daran, solche Erfahrungen überhaupt zu erkennen. Sie passieren aber bestimmt in jedem Leben.

Staunen Sie manchmal über Gott?

Was sonst? Gott erreicht man überhaupt nicht mit unseren begrenzten intellektuellen oder sinnesbezogenen Möglichkeiten. Wenn man ihm aber je näherkommt, dann über das Staunen. Naturerfahrungen können hier wichtig sein. Die unberührte Natur Azad Kaschmirs oder Belutschistans bietet für mich eine solche Erfahrung. Oder das Staunen über eine Blume, die aufregend schön sein kann, etwa das Rot der Passionsblume, die nur einen Tag aufgeht und blüht. Oder der Anblick eines Babies. Das können solch besonderen Augenblicke sein. Vielleicht ist für andere auch die Musik ein Weg? Ich weiß es nicht.

Kann Gott sterben?

Wenn er Gott ist, kann er alles. Er wird mich nicht um Rat fragen. Aber wenn wir ihn nicht mehr erkennen, nicht mehr wahrnehmen und nicht mehr über ihn sprechen, dann stirbt er für uns. Der Friedensnobelpreisträger Dag Hammerskjöld hat einmal gesagt: „Unser Gottesbegriff schadet ihm nicht.“ Und der Theologe Karl Rahner sagte, es könne durchaus sein, dass der Mensch Gott vergisst und sich zurückentwickelt zu einem fi ndigen Tier: Technisch begabt und intelligent, aber ohne metapyhsische Sehnsucht. Das betrifft aber den Menschen. Nicht Gott.

Was vermissen Sie an Jesus?

Er ist für mich der vollkommene Mensch. Das Abbild seines Vaters. Wenn ich etwas vermisse, muss ich meinen Blickwinkel ändern.

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Würden Sie zu den Zehn Geboten noch ein elftes hinzufügen, und welches?

Darüber bin ich glücklicherweise hinaus. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich die Zehn Gebote auswendig hersagen könnte. Diese Texte sind eine wichtige Stufe im Zusammenleben der Menschen, ein Schritt vorwärts. Aber sie sind nun auch nicht gerade die Nahrung meines geistlichen Lebens. Das ist das Neue Testament. Nicht nur: „Liebe deinen Nächsten oder deinen Volksgenossen.“ Sondern: „Liebe deinen Feind. Tue Gutes denen, die dich hassen.“ Das ist eine andere Radikalität.

Welchen Satz aus dem Munde Jesu mögen Sie besonders?

„Und da er sich einmal entschieden hatte, sie zu lieben, liebte er sie bis zum Ende“ (irgendwo im Johannes-Evangelium).

Welches übergehen Sie lieber?

„Werft eure Perlen nicht den Säuen vor“. Das ist ein bisschen stark. Wenn ich mir einmal angewöhnte, diejenigen unter „Säue“ einzuordnen, denen ich nicht notwendigerweise etwas Wichtiges anvertrauen möchte, wäre das für mich riskant. (Obwohl ich es genieße, dass er so unverblümt ist).

Was ist das Anliegen Jesu?

Ich hoffe, er teilt das mit mir am letzten Tage.

Passt Jesus zum Glück?

Himmel, sind Sie Christ? Oder was verstehen Sie unter „Glück“? Jedenfalls ist Glück nichts, was ein bloßes Wohlgefühl beschreibt. Ich habe mein ganzes Leben geglaubt, dass wir Menschen zum Glück geboren sind. Aber heute, wenn ich mir das Leid in der Welt ansehe, das Leid, das ich um mich herum einfach nicht übersehen kann, bin ich nicht sicher, ob ich das noch aufrechterhalten kann. Auf diese Frage könnte ich also nur antworten: Ich hoffe es.

Wenn von Gottes dunklen Seiten gesprochen wird, welche nennen Sie zuerst?

Ich würde mich aus solchen Diskussionen heraushalten. Er ist jenseits unserer Vorstellungen. Aber die Frage nach dem Sinn des unverschuldeten Leidens, die bleibt ein Stachel.

Welche Gestalt der Menschheitsgeschichte steht Jesus am nächsten?

Ich weiß nicht. Vermutlich jemand, der nie Schlagzeilen gemacht hat. Nahe stehen ihm vermutlich Franziskus, Gandhi und zahllose andere. Besonders solche, von denen wir es nicht wissen.

Beten Sie mit Jesus oder auch zu ihm?

Ich habe nie an so eine Unterscheidung gedacht.

Welche Frage würden Sie Jesus stellen, wenn Sie heute mit ihm sprechen könnten?

Wieso „könnten“? Warum kann ich heute nicht mit ihm sprechen?

Mit welchem Worten würden Sie einem Materialisten das Wort „Geist“ erklären?

Ich würde ihn fragen: Haben Sie Lust, mal mit uns ins AfghanFlüchtlingslager in Karachi zu kommen? Dort, unter hundertausend Flüchtlingen, unter elenden Lebensbedigungen, arbeitet eine christliche Schwester mit den Frauen und den Kindern … Ich bin überzeugt: Was Christentum ist, lässt sich nicht theoretisch erklären oder abstrakt sagen. Es geht nicht durch Worte. Nur über das eigene Tun. Und dadurch, dass man den anderen mithereinnimmt in sein eigenes Leben. Der Geist wirkt freilich nicht nur durch Christen. Aber die spannende Frage ist doch: Gerade weil in diesem Flüchtlingslager insgesamt nur zwei Christen mitarbeiten – warum ist da ein ganzes Hilfsprojekt von diesem Geist getragen?

Wenn jemand vor Gott fliehen möchte, wohin raten Sie dem?

Pakistan ist eine durch und durch religiöse Kultur. Ich glaube nicht, dass mir hier jemand diese Frage stellen würde.

Neben wem möchten Sie an der himmlischen Hochzeitstafel sitzen?

Ich hoffe, es ist ein Buffet, denn da kann man sich entscheiden, mit wem man reden will.

Einfach leben: Was bedeutet das für Sie?

Mit Einfachheit haben wir glücklicherweise keine Probleme. Das Leben sorgt dafür. Also kann es für mich nur bedeuten: Sich auf das Leben einlassen.


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Dieser Artikel ist entnommen aus einfach leben Nr. 1 – 2014:
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